Eine Call-Option auf den Goldpreis, eine Put-Option auf den Dollar

Von Lars Schall
Januar 29, 2026

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Der Goldpreis scheint noch schneller, länger, weiter hoch hinaus zu wollen, getragen von Zentralbanken, die dem US-Dollar zunehmend den Rücken kehren.

Das US-zentrierte Finanzsystem ist seit den 2000er Jahren nicht in bester Verfassung. Die Probleme, die der Krise von 2007/08 zugrunde lagen, wurden vielfach nicht gelöst, sondern sind nur auf die lange Bank geschoben worden.(1) Würden die Zentralbanken nicht mit  „permanenten, hochgradig unkonventionellen, umfangreichen und in mancher Hinsicht sehr extremen Interventionen“ einspringen, könnten „das heutige globale Finanzsystem und der heutige Kapitalismus“ nicht länger überleben.(2)

Unterdes sehen wir seit 2008/09 stetige Goldkäufe von nicht-westlichen Zentralbanken, insbesondere eingeleitet von den Vorreitern Russland und China. Ein Abrücken vom US-Dollar (und anderem Fiat-Geld) findet statt, vor allem in Asien – und es tritt ein, was Robert A. Mundell im Jahr 1998 noch „fernere Zukunft“ nannte: „Zunächst werden sich die asiatischen Länder auf den Dollar und den Euro verlassen müssen, aber in fernerer Zukunft ist es denkbar, dass Gold als dritte Kraft neben dem Dollar und dem Euro wieder ins Spiel kommt.“(3)

Durch die Goldkäufe von nicht-westlichen Zentralbanken und dem steigenden Goldpreis sind die Reserven, welche Zentralbanken in Gold halten, seit Ende 2023 größer als die Reserven, welche sie in Euro halten. Ferner gilt seit August letzten Jahres, dass die Zentralbanken erstmals nach 1996 auch wieder mehr Gold als US-Staatsanleihen besitzen.

Derweil beschleunigt sich der Goldpreis-Anstieg zunehmend. Um von 1000 US-Dollar auf 2000 US-Dollar zu kommen, brauchte es noch knapp Zwölfeinhalb Jahre; für das Vorankommen von 2000 US-Dollar auf 3000 US-Dollar waren nur noch Viereinhalb Jahre nötig; die Strecke von 3000 US-Dollar auf 4000 US-Dollar wurde in Sieben Monaten zurückgelegt; und von 4000 US-Dollar auf 5000 US-Dollar kam der Goldpreis in Dreieinhalb Monaten – siehe hier. Vergleicht man den derzeitigen Bullenmarkt mit dem der Jahre 2000 bis 2012, scheint ein baldiger Preis von 7000 US-Dollar durchaus möglich – siehe hier. Und dort muss noch lange nicht Schluss sein, wie Sie bspw. hier und hier nachprüfen können.

Angesichts der erhöhten geopolitischen Unsicherheit, der Rekordschulden im Finanzsystem, des Inflationsdrucks und der Umstrukturierung des internationalen Währungssystems wird die Bedeutung von Gold einerseits und der Vertrauensverlust gegenüber dem US-Dollar andererseits noch deutlich zutage treten. In finanziellen Begriffen gesprochen kaufen wir, was unsere Zukunftserwartungen angeht, eine Call-Option auf den Goldpreis und eine Put-Option auf den Dollar.

Zentralbanken werden jedenfalls weiterhin strategisch Gold erwerben – unabhängig von Rekordpreisen. Das Ziel besteht nicht  „in kurzfristigen Gewinnen. Es geht ihnen um langfristige Stabilität. Für den Goldmarkt schafft dies eine strukturelle Stütze. Wenn die größten Institutionen der Welt konsequent kaufen, bildet dies eine Untergrenze. Und das ist wichtiger als die Kursentwicklung eines einzelnen Tages.“

Eine weitere eher langfristig angelegte Entwicklung, die dem US-Dollar schaden könnte, sind die Gespräche, in denen sich Saudi-Arabien seit 2022 mit China befindet, „um einen Teil seiner Ölverkäufe nach China in Yuan zu bepreisen, (…) ein Schritt, der die Vorherrschaft des US-Dollars auf dem globalen Erdölmarkt beeinträchtigen würde.“(4)

Sollten die Öl-Importe aus Saudi-Arabien künftig in der chinesischen Währung abgewickelt werden, wäre ein guter Teil des chinesischen Ölhandels vor US-Sanktionen geschützt.(5)

Außerdem arbeiten „die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und die Zentralbanken Chinas, Hongkongs, Thailands und der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) an einem grenzüberschreitenden Projekt für digitale Zentralbankwährungen (CBDC) mit dem Namen mBridge. Kurz gesagt zielt das Projekt darauf ab, Effizienz, Geschwindigkeit und Transparenz im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr zu verbessern.“(6)

Diesem Projekt schloss sich auch Saudi-Arabien an.  „Der Beitritt von Saudi-Arabien zu mBridge stellt eine interessante Entwicklung dar. Einerseits zeigt er die Vertiefung der Beziehungen zwischen Riad und China angesichts der dominierenden Rolle Pekings in der Initiative. Andererseits erhöht es die Glaubwürdigkeit des Projekts angesichts der Bedeutung Saudi-Arabiens als Ölexporteur. Das Königreich verfügt über rund 17 % der weltweiten Erdölreserven und ist einer der größten Nettoexporteure von Erdöl.

Das Gulf Research Center stellt fest, dass Saudi-Arabien sowohl Chinas wichtigster Rohöllieferant weltweit als auch sein größter Handelspartner im Nahen Osten und Nordafrika ist. Darüber hinaus ist Peking der wichtigste Handelspartner und Rohölabnehmer von Riad. China ist auch ein wichtiger Investor in das saudische Projekt zur wirtschaftlichen Diversifizierung (Vision 2030).

Mit dem Beitritt Saudi-Arabiens zu mBridge besteht die Möglichkeit, dass die Plattform zunehmend für die Abwicklung von Rohstoffgeschäften unter Umgehung des US-Dollars genutzt wird. Im November 2023 unterzeichneten die People’s Bank of China und die saudische Zentralbank eine Swap-Vereinbarung in lokaler Währung im Wert von 50 Milliarden RMB (6,9 Milliarden Dollar). Im Dezember 2022 erklärte der chinesische Präsident Xi Jinping gegenüber den arabischen Staatsoberhäuptern der Golfstaaten, dass Peking daran arbeiten würde, Öl und Gas in Renminbi zu kaufen.“(7)

Die Nachricht über die chinesisch-saudischen Gespräche in Sachen Öl und Renminbi schürte „Erwartungen, dass Chinas massive Käufe aus dem Königreich dazu führen werden, dass ein größerer Teil ihres Ölhandels in der chinesischen Währung abgewickelt wird.“ Diese Erwartungen haben sich bislang nicht erfüllt. S&P Global geht davon aus, dass für den auf Yuan basierenden Ölhandel zwischen den beiden Ländern  „erhebliche Herausforderungen“ bestehen  „und es Jahrzehnte dauern könnte, bis er ein bedeutendes Volumen erreicht“. Gleichwohl könnten „die Vertiefung der bilateralen Beziehungen und die Angleichung langfristiger Interessen diesen Prozess erleichtern“(8)

Um die Verwendung des Yuan in Saudi-Arabien zu fördern, ist seitens der VR China „eine Transformation der saudisch-chinesischen Beziehungen von einer auf Öl fokussierten zu einer umfassenden Beziehung“ eingeleitet worden.   „Abgesehen vom boomenden Ölhandel, der weiterhin das Kernstück ihrer Beziehungen bildet, treiben langfristige Pläne wie die Vision 2030 Saudi-Arabiens neue institutionelle, finanzielle und kulturelle Verbindungen zwischen den beiden Ländern voran. Diese sich ausweitenden Verbindungen werden mehr Möglichkeiten für die Verwendung des Yuan bieten, beispielsweise für die Bezahlung chinesischer Ingenieur- und Baudienstleistungen im Königreich oder für Investitionen in Unternehmen oder Projekte in China in einer wachsenden Zahl von Sektoren. Durch diese Kanäle könnte die Vertiefung der bilateralen Beziehungen dazu beitragen, die Verwendung des Renminbi im saudisch-chinesischen Ölhandel in den kommenden Jahrzehnten zu fördern.“(9)

Was mBridge angeht, so zeigen Daten vom Atlantic Council im Januar 2026, dass die Plattform mittlerweile „mehr als 4.000 grenzüberschreitende Transaktionen verarbeitet“ hat.  „Der kumulierte Wert dieser Zahlungen in Höhe von 55,5 Milliarden US-Dollar entspricht einer etwa 2.500-fachen Steigerung seit den Anfängen des Projekts im Jahr 2022, wobei der digitale Yuan derzeit schätzungsweise etwa 95 % des Volumens ausmacht.“(10)

Auffllig ist ferner: Die mBridge-Vollmitglieder (insbesondere China, gefolgt von Saudi-Arabien, VAE und Thailand) haben seit 2022 in beträchtlichem Umfang Gold gekauft. Diese Käufe zusammen mit denen anderer Zentralbanken (Indien, Polen, Türkei etc.) sind der Haupttreiber des Goldpreis-Anstiegs seit Ende 2022 gewesen, da sie zu einer Verringerung der weltweit frei verfügbaren physischen Gold-Bestände führten.(11)

mBridge schafft die technische Schiene für mehr Handel in lokalen Währungen. Handelsüberschüsse müssen dann irgendwo geparkt werden. Gold ist dafür attraktiver als US-Staatsanleihen, wenn man Misstrauen gegenüber dem US-Dollar hegt. China baut parallel die Gold-Börse in Shanghai und physische Verwahrungsstätten aus und fördert die Yuan-Gold-Konvertierbarkeit (siehe hier) – was perfekt zu einem Szenario passt, in dem die mBridge-Partner ihre Überschüsse künftig teilweise in Gold umwandeln.(12)

Welchen Vorteil bietet Gold? Physisches Gold stellt keinen Anspruch gegenüber einer juristischen Person dar und ist daher frei von Kredit- und Zahlungsausfallrisiken. Der IWF schreibt in Bezug auf Währungsgold: „Die Goldbarrenkomponente des Währungsgolds ist der einzige Fall eines finanziellen Vermögenswerts ohne Gegenverbindlichkeit.“(13) Und: „Finanzielle Vermögenswerte sind wirtschaftliche Vermögenswerte, die Finanzinstrumente sind. Zu den finanziellen Vermögenswerten gehören finanzielle Forderungen und gemäß Konvention auch Währungsgold in Form von Goldbarren. (…) Eine finanzielle Forderung ist ein Finanzinstrument, das eine Gegenverbindlichkeit hat. Goldbarren sind keine Forderungen und haben keine entsprechenden Verbindlichkeiten. Sie werden jedoch aufgrund ihrer besonderen Rolle als Finanztauschmittel im internationalen Zahlungsverkehr der Währungsbehörden und als Reservewährung der Währungsbehörden als Finanzvermögen behandelt.“(14)

Quellen:

(1) Vgl. bspw. diesen Ausschnitt aus einem Interview vom Autor mit Ambrose Evans-Pritchard, angefangen mit der Frage: „Have we solved anything related to the root causes of the financial crisis 2007/2008?“ — https://youtu.be/a3tPljeiT-Y?si=uIH2iNx_catUR1QK&t=58

(2) Zit. wie Joscha Wullweber: Zentralbankkapitalismus – Transformation des globalen Finanzsystems in Krisenzeiten. Suhrkamp, 2021, S. 17-18.

(3) Zit. wie Robert A. Mundell: What the euro means for the dollar and the international system. Atlantic Economic Journal, September 1998.

(4) Zit. wie Summer Said / Stephen Kalin: Saudi Arabia Considers Accepting Yuan Instead of Dollars for Chinese Oil Sales. Wall Street Journal, 15.  März 2022; https://www.wsj.com/articles/saudi-arabia-considers-accepting-yuan-instead-of-dollars-for-chinese-oil-sales-11647351541

(5) Vgl. Christopher Vassallo: China-Saudi RMB Settlement Will Insulate the Oil Trade from U.S. Sanctions. China File, 7. November 2023; https://www.chinafile.com/reporting-opinion/viewpoint/china-saudi-rmb-settlement-will-insulate-oil-trade-us-sanctions

(6)  Zennon Kapron: Cross-Border CBDC Focused Project MBridge Moves Forward. Forbes, 23. Juni 2024; https://www.forbes.com/sites/digital-assets/2024/06/23/cross-border-cbdc-focused-project-mbridge-moves-forward/. Zum Thema siehe bspw. auch MBridge and the Petroyuan: A New Era of De-dollarization. Financial Sense, 18. Juli 2024; https://www.financialsense.com/blog/20963/mbridge-and-petroyuan-new-era-de-dollarization

(7) Cross-Border CBDC Focused Project MBridge Moves Forward.

(8) Zit. wie Charles Chang / Vishrut Rana / Zahabia Gupta / Valerijs Rezvijs: Saudi-China ties and renminbi-based oil trade. S&P Global, 20. August 2024; https://www.spglobal.com/en/research-insights/special-reports/saudi-china-ties-and-renminbi-based-oil-trade

(9) Ebd. Sowohl zur Frage, warum es für die USA wichtig ist, dass der (OPEC-)Ölhandel auf der Welt weiterhin in US-Dollar vor sich geht, als auch zur Rolle, die Saudi-Arabien dabei spielt, sei auf den ausführlichen Artikel Bretton Woods, das Gold und der Petrodollar verwiesen: https://web.archive.org/web/20230917105941/https://www.larsschall.com/2023/09/15/bretton-woods-das-gold-und-der-petrodollar/

(10) Marc Jones: China-led cross-border digital currency platform sees surge. Reuters, 16. Januar 2026; https://www.reuters.com/world/asia-pacific/china-led-cross-border-digital-currency-platform-sees-surge-2026-01-16/

(11) Vgl. Jan Nieuwenhuijs: Nations in the mBridge Project Are Stockpiling Gold, Driving Up Prices. The Gold Observer, 25. September 2024; https://www.thegoldobserver.com/p/nations-in-the-mbridge-project-are

(12) Vgl. Jan Nieuwenhuijs: China Reaffirms Tight Grip on Gold Market, Ushering in a New Monetary Era. The Gold Observer, 13. Dezember 2025; https://www.thegoldobserver.com/p/china-reaffirms-tight-grip-on-gold

(13) Vgl. S. 121: https://www.imf.org/external/pubs/ft/bop/2007/pdf/chap7.pdf.

(14) Vgl. S. 33: https://www.imf.org/external/pubs/ft/bop/2007/pdf/chap3.pdf

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