Kreditschöpfung

Von Lars Schall
Mai 5, 2022

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Kreditschoepfung-Richard-Werner

 

Auszug aus Richard Werner: Towards a new research programme on ‘banking and the

economy’ — Implications of the Quantity Theory of Credit for the prevention and resolution

of banking and debt crises. 2012.

Online: https://eprints.soton.ac.uk/339271/1/Werner_IRFA_QTC_2012.pdf

Übersetzung: Lars Schall

… Wie wird in unserem heutigen System Geld geschaffen und injiziert? Das ist eine einfache

Frage, welche die empirische Forschung in der Lage sein sollte, schnell beantworten zu können.

Erstaunlicherweise wird in den führenden Fachzeitschriften für Makroökonomie,

Geldwirtschaft oder Bank- und Finanzwesen praktisch keine Forschung zu dieser Frage

veröffentlicht. Zwar finden sich dort viele Artikel, die Annahmen darüber treffen, wie ein

theoretisches Geldsystem in den speziellen Fällen ihrer stilisierten Modelle definiert werden

kann. Wenn wir an der Realität interessiert sind, hilft uns das jedoch nicht weiter.

Die besondere Form des Fiat-Geldsystems, die derzeit weltweit Anwendung findet, ist ein

System, in dem etwa 97 % der Geldmenge von privaten, gewinnorientierten Unternehmen,

nämlich den Banken, geschaffen und verteilt wird. Wie schaffen die Banken Geld? Wie Werner

(1992, 1997, 2005) argumentierte und wie wir in Ryan-Collins et al. (2011) zeigen, erfinden

Banken einfach 97 % der Geldmenge, wenn sie den Bankkonten der Kreditnehmer Geldbeträge

gutschreiben, die niemand aus anderen Teilen der Wirtschaft auf diese Konten überwiesen hat.

Um es anders auszudrücken: Banken erschaffen Geld aus dem Nichts, wenn sie Bankkredite

vergeben (oder andere Vermögenswerte kaufen oder ihre Mitarbeiter bezahlen). Aus diesem

Grund wird der Prozess der Kreditvergabe besser mit dem Begriff Kreditschöpfung

beschrieben.

Das ist ein einfacher Punkt. So sehr, dass J. K. Galbraith (1975) dazu sagte:

„Der Vorgang, durch den Geld geschaffen wird, ist so einfach, dass der menschliche Geist

davon abgestoßen ist. Wenn es um etwas so Wichtiges geht, scheint ein tieferes Geheimnis nur

anständig zu sein.“ (S. 18f)

Einerseits ist die Tatsache, dass die Banken die Geldmenge schaffen, einer kleinen Gruppe von

Experten wohl bekannt. Dies belegen zahlreiche Veröffentlichungen der Zentralbanken, wenn

auch meist an obskuren Stellen, die keine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. (21) Sie

wurde auch von Pollexfen (1697), Law (1720), Thornton (1802), John Stuart Mill (1848),

Macleod (1855/56) und anderen erkannt (wenn auch meist nicht explizit oder präzise

formuliert). Sie konnte sich jedoch nicht durchsetzen, was wahrscheinlich auf die Fixierung auf

gesetzliche Zahlungsmittel oder Metallgeld und die anschließende Konzentration auf

Einlagenaggregate des Typs „M“ zurückzuführen ist. Schumpeter (1954) weist darauf hin, dass

diese Autoren erkannten, dass Geld (traditionell gemessen) und Bankkredit in ihrer

wirtschaftlichen Wirkung identisch sein könnten:

„Sobald wir erkennen, dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen den Formen des

,Papierkredits‘ gibt, die zum Bezahlen und Verleihen verwendet werden, und dass die durch

,Kredit‘ gestützte Nachfrage auf die Preise im Wesentlichen auf die gleiche Weise wirkt wie die

durch gesetzliche Zahlungsmittel gestützte Nachfrage, sind wir auf dem Weg zu einer

brauchbaren Theorie der Kreditstruktur…“ (22) Die Erkenntnis, dass Kredit die gleiche wirtschaftliche Wirkung wie Geld haben kann, war ein

großer Durchbruch, denn rechtlich gesehen sind Geld und Kredit ganz unterschiedliche

Konstrukte.

Wie Schumpeter hervorhob:

„Und deshalb war Thorntons Erkenntnis, dass die verschiedenen Zahlungsmittel auf einer

bestimmten Abstraktionsebene als im Wesentlichen gleich behandelt werden können, eine große

analytische Leistung, denn der bloße Praktiker wird im Allgemeinen eher von den technischen

Unterschieden als von der grundlegenden Gleichheit beeindruckt sein.“ (23)

Der Zusammenhang zwischen Kredit und Makroökonomie wurde zu Beginn des 20.

Jahrhunderts weit genug erkannt, um den folgenden Eintrag in der Enzyclopedia Britannica

(Ausgabe 1911) zu rechtfertigen:

„Das immense Wachstum des Kredits und seine Verkörperung in Instrumenten, die als Ersatz

für Geld verwendet werden können, hat zur Verbreitung einer Ansicht über den Wert des Geldes

geführt, die man als Kredittheorie bezeichnen kann. Nach Ansicht der Verfechter dieser Theorie

hat die tatsächliche Menge an Metallgeld nur einen geringen Einfluss auf die Preisspanne und

damit auf den Wert des Geldes. Was wirklich wichtig ist, ist die Menge der im Umlauf

befindlichen Kreditinstrumente. Von ihrer Menge hängt die Preisentwicklung ab. Gold ist nur

noch das Kleingeld der Großhandelsmärkte, und seine Menge ist als Preisdeterminante

vergleichsweise unbedeutend.“ (24)

Eine ausdrückliche Verbindung zwischen der Kreditschöpfung der Banken und der

gesamtwirtschaftlichen Aktivität wurde auch von Hahn (1920) hergestellt. Doch trotz dieser

frühen Erkenntnisse und gelegentlicher Forschungsanstrengungen, die sich auf den Kredit

konzentrierten, spielte er in den Mainstream-Theorien, insbesondere in der Nachkriegszeit, eine

zu geringe Rolle. Schumpeter zufolge

„erwies es sich für die Ökonomen als außerordentlich schwierig, anzuerkennen, dass

Bankkredite und Bankinvestitionen Einlagen schaffen. Tatsächlich weigerten sie sich während

des gesamten untersuchten Zeitraums praktisch einstimmig, dies zu tun“ (S. 1114).

Daher wurde diese Tatsache in makroökonomischen oder monetären Modellen nicht

angemessen berücksichtigt und fand auch keinen Eingang in die Quantitätsgleichung. (25)

Trotz ihrer Einfachheit ist sie heute selbst unter Wirtschafts- und Finanzexperten nicht

allgemein bekannt (wie eine Fragebogenerhebung zeigte, die ich 2010 mit Studenten in

Frankfurt durchführte). Dies zeugt von der Möglichkeit einer regressiven Wissensentwicklung

in den Wirtschafts- und Finanzwissenschaften.

Die Tatsache, dass Banken die Geldmenge schaffen, kann jedoch zur Beantwortung unserer

Forschungsfrage genutzt werden: In einer Volkswirtschaft mit einem Bankensystem kann die

Geldmenge, die tatsächlich für Transaktionen verwendet wird, nur steigen, wenn die Banken

neue Kredite schaffen (Werner, 1992, 1997). Das bedeutet, dass die Kreditschöpfung der

Banken einen direkten Einfluss auf das Transaktionsvolumen, die Nachfrage und damit auch

auf die Preise haben sollte, wie Mill (1848) und Bentham (1952-4) vorgeschlagen haben. (26)

Quellen / Anmerkungen: (21) By far the largest role in creating broad money is played by the banking sector … When

banks make loans they create additional deposits for those that have borrowed.” (Bank of

England, 2007). “Money-creating organisations issue liabilities that are treated as media of

exchange by others. The rest of the economy can be referred to as money holders (Bank of

England, 2007). “… changes in the money stock primarily reflect developments in bank lending

as new deposits are created” (Bank of England, 2007).“Given the near identity of deposits and

bank lending, Money and Credit are often used almost inseparably, even interchangeably …”

(Bank of England, 2008). “Each and every time a bank makes a loan, new bank credit is created

– new deposits – brand new money” (Graham Towers, 1939, former Governor of the Central

Bank of Canada). “Over time … Banknotes and commercial bank money became fully

interchangeable payment media that customers could use according to their needs” (European

CentralBank, 2000). “The actual process of money creation takes place primarily in banks”

(Federal Reserve Bank of Chicago, 1961). “In the Eurosystem, money is primarily created

through the extension of bank credit ….The commercial banks can create money themselves,

the so-called giro money” (Bundesbank, 2009).

(22) Schumpeter (1954), p. 718f.

(23) Schumpeter (1954), p. 719.

(24) Encyclopedia Britannica (1910-1911).

(25) D.h. bis Werner (1992, 1997).

(26) In Mill’s words, not dissimilar to the at the time unpublished Bentham: “This extension of

credit by entries in a banker’s books, has all th at superior efficiency in acting on prices, which

we ascribed to an extension by means of bank notes…” p. 70. “Credit which is used to purchase

commodities, affects prices in the same manner as money” (p. 71)

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