Im Jahr 1933 erschien in New York ein philosophisches Buch, das Gedanken zum Frieden, „der Harmonie der Harmonien“ enthält. Angesichts der „Kriegstüchtigkeit“, die dieser Tage allseits propagiert wird, folgen Auszüge aus Alfred North Whiteheads „Abenteuer der Ideen“.
Wie der englische Mathematiker und Philosoph Alfred North Whitehead (1861-1947) über sein Buch „Adventures of Ideas“ (erschienen bei Macmillan, New York, 1933) sagte, „handelt es sich um eine Studie über den Begriff der Zivilisation und um den Versuch, zu verstehen, wie es zur Entstehung zivilisierter Wesen kommt“. Eingangs diskutiert der Autor u.a. allgemeine Begriffe, die sich bei Platon finden, wie die Ideen, den Eros, die Harmonie und die mathematischen Beziehungen. Im vierten und letzten Teil von „Adventures…“ betrachtet Whitehead dann „die wesentlichen Qualitäten, deren gemeinsame Verwirklichung im sozialen Leben den Kern der Zivilisation ausmacht.“ Als solche Qualitäten untersucht werden: „die Wahrheit, die Schönheit, das Abenteuer und die Kunst.“
„Aber es gibt etwas“, fährt Whitehead fort, „was in diesem Bild noch fehlt. Und es ist sehr schwierig, es so auszudrücken, daß der umfassende Sinn, in dem es gemeint ist, auch getroffen wird. Andererseits hört es sich nur allzu leicht übertrieben an, wenn man es ganz klar und nach allen Richtungen hin zu erläutern versucht. Es hält sich als ein irgendwie modifizierendes Agens habituell am Rande unseres Bewußtseins auf, umgibt die platonische ,Harmonie‘ wie eine Aura und verträgt sich nicht ganz mit seinem ,Eros‘. Auch die platonischen ,Ideen‘ und ,mathematischen Beziehungen‘ haben allem Anschein nach eine abtötende Wirkung auf das, was ich hier meine, weil ihnen ,Leben und Bewegung‘ fehlt. Das Streben nach ,Wahrheit, Schönheit, Abenteuer und Kunst‘ kann ohne dieses Element hart, rücksichtslos und grausam werden und so – wie die Geschichte der italienischen Renaissance beweist – ein wesentliches Charakteristikum der Zivilisation verlieren. Die Begriffe ,Sanftmut‘ und ,Liebe‘ sind hier viel zu eng, so wichtig sie im übrigen auch sein mögen. Wir brauchen hier einen Begriff für eine allgemeinere Qualität, aus der sich ,Sanftmut‘ als ein Spezialfall ergibt. In gewisser Weise geht es uns um den Begriff einer Harmonie der Harmonien, der die übrigen vier Grundqualitäten untereinander verbindet und aus unserem Begriff von Zivilisation jenen rastlosen Egoismus ausschließt, von dem das Streben nach ihnen bisher nur allzu oft begleitet gewesen ist. ,Persönliche Neutralität‘ klingt viel zu tot, und ,Sanftmut‘ ist bei weitem zu eng. Also werde ich die Harmonie der Harmonien, die die destruktiven Turbulenzen besänftigt und die Zivilisation vervollständigt, ,Frieden‘ nennen.“
Für Whitehead folgt daraus, dass „eine Gesellschaft also als zivilisiert“ bezeichnet werden kann, so „ihre ,Angehörigen“ diese „fünf Grundqualitäten anstreben: die Wahrheit, die Schönheit, das Abenteuer, die Kunst und den Frieden.“
Whitehead erläutert: „Der Frieden, den ich hier meine, hat nichts mit dem negativen Begriff der Anästhesie zu tun. Er ist vielmehr ein höchst positives, ,Leben und Bewegung‘ der Seele krönendes Gefühl, das sich schwer definieren und über das sich überhaupt nur unter größten Schwierigkeiten sprechen läßt. Es handelt sich bei ihm nicht um eine Hoffnung, die auf die Zukunft gerichtet wäre, und auch nicht um ein bestimmtes Interesse an Details der Gegenwart. Es handelt sich vielmehr um so etwas wie eine Erweiterung, ein Umfassenderwerden unseres Fühlens, das auf eine tiefe, noch nicht zur Sprache gekommene, aber für die Koordination unserer Werte höchst bedeutsame Einsicht zurückgeht. Der erste spürbar werdende Effekt ist ein Nachlassen des Aneignungsstrebens, das auf der Voreingenommenheit der Seele von sich selbst beruht. Der Frieden führt also zu einem Überschreiten des rein Personalen und zu gewissen Umkehrungen in der Reihenfolge unserer Werte. In erster Linie handelt es sich bei ihm um ein Vertrauen auf die Wirkungskraft der Schönheit, um das Gefühl, daß die ständige Verfeinerung des Erreichten uns gleichsam einen Schlüssel an die Hand gibt, der uns einen Zugang zu Schätzen verschafft, den die beschränkte Natur der Dinge sonst vor uns verborgen hält. Es steckt in ihm also so etwas wie ein Ergreifen des Unendlichen, ein Appell, der über alle Schranken hinausgeht. Im emotionalen Bereich führt er zu einer Dämpfung störender Turbulenzen. Genauer gesagt: er erhält die Antriebskraft unserer Energie, lenkt sie aber gleichzeitig so, daß alle sie möglicherweise lähmenden Störfaktoren ohne Einfluß bleiben. Das Vertrauen auf die selbstrechtfertigende Kraft der Schönheit führt zum Glauben, wo es der Vernunft nicht mehr gelingt, sie uns in allen Einzelheiten zu enthüllen.
Das Erlebnis des Friedens ist der Kontrolle durch unsere Zwecksetzungen weitgehend entzogen. Es kommt als ein Geschenk. Das bewußte Anstreben des Friedens entartet nur allzu leicht und führt dann zum Erreichen eines fatalen Ersatzobjektes, nämlich der Anästhesie. Mit anderen Worten: an die Stelle einer Qualität, die von ,Leben und Bewegung‘ erfüllt ist, tritt deren Destruktion. Durch den wahren Frieden werden Hemmungen aufgehoben, aber nicht herbeigeführt. Er erweitert den Horizont unserer bewußten Interessen und das Blickfeld unserer Aufmerksamkeit. Es handelt sich beim Frieden also um Selbstkontrolle im weitesten möglichen Sinne – in einem Sinn, der so weit ist, daß von einem ,Selbst‘ eigentlich nicht mehr die Rede sein kann und das Interesse sich auf Koordinationen verlagert hat, die umfassender sind als eine einzelne Person. Wobei unter ,Interesse‘ hier die wirklich bewegenden Interessen des Geistes zu verstehen sind, und nicht etwa bloß ein oberflächliches Spiel diskursiver Vorstellungen. Allerdings dient auch diese oberflächliche Weise des Blicks dem Frieden und wird ihrerseits durch ihn gefördert. In der Tat ist es gerade dieser Umstand, der zum guten Teil begründet, warum der Frieden für die Zivilisation so unentbehrlich ist. Er verhindert die Engstirnigkeit.“
Eine Frucht des Friedens, so Whitehead, ist „die Menschenliebe, die Liebe, deren Gegenstand die Menschheit im allgemeinen und als solche ist.“
Whitehead zufolge führt der Frieden ferner „zum Verständnis des Tragischen“. Wenn „ein hoher Entfaltungsgrad des Bewußtseins erreicht worden ist, vermischt sich die Freude am Dasein mit Schmerzen, Enttäuschungen, Verlusten und Tragödien. Inmitten der Vergänglichkeit von so viel Schönheit, so viel Heroismus und so viel Kühnheit bleibt dann der Frieden als die Intuition von etwas, das von Dauer ist. Er hält unsere Sensibilität gegenüber der Tragödie wach, läßt sie aber gleichzeitig als ein lebendiges Agens erkennen, das die Welt dazu überredet, etwas Besseres anzustreben als die in ihrer Verblaßtheit immer noch bestehenden Fakten. Jede Tragödie ist die Enthüllung eines Ideals; sie zeigt uns, wie etwas hätte werden können, aber nicht geworden ist – und das heißt, wie etwas anderes in Zukunft werden kann. Eine Tragödie ist nie vergeblich gewesen. Die Überlebensfähigkeit der von ihm ausgelösten Antriebskraft, der Appell an die noch unausgeschöpften Reserven der Schönheit ist das, was das tragische Übel vom gewöhnlichen Übel unterscheidet. Und das Gefühl, das diese Erkenntnis des Nutzens der Tragödie in unserem Innern begleitet, ist der Frieden – die Reinigung unserer Emotionen.“
Nachdem Whitehead u.a. Überlegungen zur Jugend anstellt, dem „von der Tragödie noch unberührten Leben“, kommt er gegen Ende seines Buches wieder auf das Abenteuer zu sprechen, das die „gleichzeitigen Gefühle des Aufschwungs und des Friedens“ in sich trägt. „Um diese Gefühlslage verstehen zu können, müssen wir unseren bisherigen Begriff vom Eros ergänzen, und zwar durch den Begriff eines Abenteuers, auf das sich das Universum als Eines einläßt. Dieses Abenteuer umfaßt alle individuellen Vorgänge, geht aber als ein reales Faktum über jeden einzelnen von ihnen hinaus.“ Das Abenteuer „enthält den Eros, den lebendigen Drang, für den die Verwirklichung alles dessen, was möglich ist, auch gut ist“, und zu den Komponenten des Abenteuers zählt „alles, was individuell wirklich ist, und jedes individuell Wirkliche hat dabei an der Bedeutung des personalen oder sozialen Faktums teil, dem es angehört; denn diese individuelle Bedeutung der Komponenten gehört mit zum Wesen der Schönheit. Bei diesem größten aller Abenteuer setzt die Wirklichkeit, die von ihm zur Einheit der Erscheinungen transmutiert wird, alle wirklichen Vorgänge der fortschreitenden Welt voraus, und jeder dieser Vorgänge nimmt das ihm gebührende Maß von Aufmerksamkeit in Anspruch. Diese in diesem Sinne aufgenommene Erscheinung bildet jene endgültige Schönheit, durch die das Universum sich rechtfertigt und bestätigt, eine Schönheit, die sich durch das Fortschreiten der zeitlichen Welt ständig von innen her erneuert. Die Immanenz dieses Großen Faktums, das den anfänglichen Eros und die endgültige Schönheit in sich enthält, konstituiert den Schwung der selbstvergessenen Transzendenz, der der Zivilisation auf ihrem Gipfel zu eigen ist.
Im Kern dessen, was das Wesen der Dinge ausmacht, stoßen wir immer auf den Traum der Jugend und die Ernte der Tragödie. Das Abenteuer des Universums fängt mit dem Traum an und bringt zum Schluß eine Ernte tragischer Schönheit ein. Dies ist das Geheimnis der Vereinigung zwischen Aufschwung und Frieden: daß das Leiden in einer Harmonie der Harmonien zur Ruhe kommt. Das unmittelbare Erleben dieses abschließenden Faktums, in dem sich Jugend und Tragödie vereinigen, ist das Gefühl des Friedens. Auf diese Weise läßt sich die Welt den Vollkommenheiten entgegenleiten, die bei der Unterschiedlichkeit der individuellen Vorgänge in ihr möglich sind.“
Quelle:
Alfred North Whitehead: „Abenteuer der Ideen“. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt a. M., 2000, S. 491-494, 495-496, 510-512.