Kreditschoepfung-Richard-Werner
Auszug aus Richard Werner: Towards a new research programme on ‘banking and the
economy’ — Implications of the Quantity Theory of Credit for the prevention and resolution
of banking and debt crises. 2012.
Online: https://eprints.soton.ac.uk/339271/1/Werner_IRFA_QTC_2012.pdf
Übersetzung: Lars Schall
… Wie wird in unserem heutigen System Geld geschaffen und injiziert? Das ist eine einfache
Frage, welche die empirische Forschung in der Lage sein sollte, schnell beantworten zu können.
Erstaunlicherweise wird in den führenden Fachzeitschriften für Makroökonomie,
Geldwirtschaft oder Bank- und Finanzwesen praktisch keine Forschung zu dieser Frage
veröffentlicht. Zwar finden sich dort viele Artikel, die Annahmen darüber treffen, wie ein
theoretisches Geldsystem in den speziellen Fällen ihrer stilisierten Modelle definiert werden
kann. Wenn wir an der Realität interessiert sind, hilft uns das jedoch nicht weiter.
Die besondere Form des Fiat-Geldsystems, die derzeit weltweit Anwendung findet, ist ein
System, in dem etwa 97 % der Geldmenge von privaten, gewinnorientierten Unternehmen,
nämlich den Banken, geschaffen und verteilt wird. Wie schaffen die Banken Geld? Wie Werner
(1992, 1997, 2005) argumentierte und wie wir in Ryan-Collins et al. (2011) zeigen, erfinden
Banken einfach 97 % der Geldmenge, wenn sie den Bankkonten der Kreditnehmer Geldbeträge
gutschreiben, die niemand aus anderen Teilen der Wirtschaft auf diese Konten überwiesen hat.
Um es anders auszudrücken: Banken erschaffen Geld aus dem Nichts, wenn sie Bankkredite
vergeben (oder andere Vermögenswerte kaufen oder ihre Mitarbeiter bezahlen). Aus diesem
Grund wird der Prozess der Kreditvergabe besser mit dem Begriff Kreditschöpfung
beschrieben.
Das ist ein einfacher Punkt. So sehr, dass J. K. Galbraith (1975) dazu sagte:
„Der Vorgang, durch den Geld geschaffen wird, ist so einfach, dass der menschliche Geist
davon abgestoßen ist. Wenn es um etwas so Wichtiges geht, scheint ein tieferes Geheimnis nur
anständig zu sein.“ (S. 18f)
Einerseits ist die Tatsache, dass die Banken die Geldmenge schaffen, einer kleinen Gruppe von
Experten wohl bekannt. Dies belegen zahlreiche Veröffentlichungen der Zentralbanken, wenn
auch meist an obskuren Stellen, die keine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. (21) Sie
wurde auch von Pollexfen (1697), Law (1720), Thornton (1802), John Stuart Mill (1848),
Macleod (1855/56) und anderen erkannt (wenn auch meist nicht explizit oder präzise
formuliert). Sie konnte sich jedoch nicht durchsetzen, was wahrscheinlich auf die Fixierung auf
gesetzliche Zahlungsmittel oder Metallgeld und die anschließende Konzentration auf
Einlagenaggregate des Typs „M“ zurückzuführen ist. Schumpeter (1954) weist darauf hin, dass
diese Autoren erkannten, dass Geld (traditionell gemessen) und Bankkredit in ihrer
wirtschaftlichen Wirkung identisch sein könnten:
„Sobald wir erkennen, dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen den Formen des
,Papierkredits‘ gibt, die zum Bezahlen und Verleihen verwendet werden, und dass die durch
,Kredit‘ gestützte Nachfrage auf die Preise im Wesentlichen auf die gleiche Weise wirkt wie die
durch gesetzliche Zahlungsmittel gestützte Nachfrage, sind wir auf dem Weg zu einer
brauchbaren Theorie der Kreditstruktur…“ (22) Die Erkenntnis, dass Kredit die gleiche wirtschaftliche Wirkung wie Geld haben kann, war ein
großer Durchbruch, denn rechtlich gesehen sind Geld und Kredit ganz unterschiedliche
Konstrukte.
Wie Schumpeter hervorhob:
„Und deshalb war Thorntons Erkenntnis, dass die verschiedenen Zahlungsmittel auf einer
bestimmten Abstraktionsebene als im Wesentlichen gleich behandelt werden können, eine große
analytische Leistung, denn der bloße Praktiker wird im Allgemeinen eher von den technischen
Unterschieden als von der grundlegenden Gleichheit beeindruckt sein.“ (23)
Der Zusammenhang zwischen Kredit und Makroökonomie wurde zu Beginn des 20.
Jahrhunderts weit genug erkannt, um den folgenden Eintrag in der Enzyclopedia Britannica
(Ausgabe 1911) zu rechtfertigen:
„Das immense Wachstum des Kredits und seine Verkörperung in Instrumenten, die als Ersatz
für Geld verwendet werden können, hat zur Verbreitung einer Ansicht über den Wert des Geldes
geführt, die man als Kredittheorie bezeichnen kann. Nach Ansicht der Verfechter dieser Theorie
hat die tatsächliche Menge an Metallgeld nur einen geringen Einfluss auf die Preisspanne und
damit auf den Wert des Geldes. Was wirklich wichtig ist, ist die Menge der im Umlauf
befindlichen Kreditinstrumente. Von ihrer Menge hängt die Preisentwicklung ab. Gold ist nur
noch das Kleingeld der Großhandelsmärkte, und seine Menge ist als Preisdeterminante
vergleichsweise unbedeutend.“ (24)
Eine ausdrückliche Verbindung zwischen der Kreditschöpfung der Banken und der
gesamtwirtschaftlichen Aktivität wurde auch von Hahn (1920) hergestellt. Doch trotz dieser
frühen Erkenntnisse und gelegentlicher Forschungsanstrengungen, die sich auf den Kredit
konzentrierten, spielte er in den Mainstream-Theorien, insbesondere in der Nachkriegszeit, eine
zu geringe Rolle. Schumpeter zufolge
„erwies es sich für die Ökonomen als außerordentlich schwierig, anzuerkennen, dass
Bankkredite und Bankinvestitionen Einlagen schaffen. Tatsächlich weigerten sie sich während
des gesamten untersuchten Zeitraums praktisch einstimmig, dies zu tun“ (S. 1114).
Daher wurde diese Tatsache in makroökonomischen oder monetären Modellen nicht
angemessen berücksichtigt und fand auch keinen Eingang in die Quantitätsgleichung. (25)
Trotz ihrer Einfachheit ist sie heute selbst unter Wirtschafts- und Finanzexperten nicht
allgemein bekannt (wie eine Fragebogenerhebung zeigte, die ich 2010 mit Studenten in
Frankfurt durchführte). Dies zeugt von der Möglichkeit einer regressiven Wissensentwicklung
in den Wirtschafts- und Finanzwissenschaften.
Die Tatsache, dass Banken die Geldmenge schaffen, kann jedoch zur Beantwortung unserer
Forschungsfrage genutzt werden: In einer Volkswirtschaft mit einem Bankensystem kann die
Geldmenge, die tatsächlich für Transaktionen verwendet wird, nur steigen, wenn die Banken
neue Kredite schaffen (Werner, 1992, 1997). Das bedeutet, dass die Kreditschöpfung der
Banken einen direkten Einfluss auf das Transaktionsvolumen, die Nachfrage und damit auch
auf die Preise haben sollte, wie Mill (1848) und Bentham (1952-4) vorgeschlagen haben. (26)
…
Quellen / Anmerkungen: (21) By far the largest role in creating broad money is played by the banking sector … When
banks make loans they create additional deposits for those that have borrowed.” (Bank of
England, 2007). “Money-creating organisations issue liabilities that are treated as media of
exchange by others. The rest of the economy can be referred to as money holders (Bank of
England, 2007). “… changes in the money stock primarily reflect developments in bank lending
as new deposits are created” (Bank of England, 2007).“Given the near identity of deposits and
bank lending, Money and Credit are often used almost inseparably, even interchangeably …”
(Bank of England, 2008). “Each and every time a bank makes a loan, new bank credit is created
– new deposits – brand new money” (Graham Towers, 1939, former Governor of the Central
Bank of Canada). “Over time … Banknotes and commercial bank money became fully
interchangeable payment media that customers could use according to their needs” (European
CentralBank, 2000). “The actual process of money creation takes place primarily in banks”
(Federal Reserve Bank of Chicago, 1961). “In the Eurosystem, money is primarily created
through the extension of bank credit ….The commercial banks can create money themselves,
the so-called giro money” (Bundesbank, 2009).
(22) Schumpeter (1954), p. 718f.
(23) Schumpeter (1954), p. 719.
(24) Encyclopedia Britannica (1910-1911).
(25) D.h. bis Werner (1992, 1997).
(26) In Mill’s words, not dissimilar to the at the time unpublished Bentham: “This extension of
credit by entries in a banker’s books, has all th at superior efficiency in acting on prices, which
we ascribed to an extension by means of bank notes…” p. 70. “Credit which is used to purchase
commodities, affects prices in the same manner as money” (p. 71)