Im Sommer 1933 unterhielt sich der neue deutsche Reichskanzler am Obersalzberg mit Industriellen und Bankern aus den USA. Letztere glauben, „dass sie mit ihm zusammenarbeiten können“.
Von Lars Schall
Im August 1933 war der US-Banker Henry Mann, den die New York Times Jahre später anlässlich seines Todes „World Financier“ titulieren sollte, (1) zweimal zu Besuch beim neuen deutschen Reichskanzler Adolf Hitler.
Während einer Unterredung, die am 2. August 1933 stattfand, garantierte Hitler gegenüber Mann im Beisein von Sosthenes Behn, des Chefs der International Telephone and Telegraph Corporation (ITT), „dass das ausländische Kapital, insbesondere das amerikanische, von der Nazi-Regierung nicht angetastet werde“. (2)
In einer Aufzeichnung der Unterredung auf dem Obersalzberg über die Sicherheit exportierten Kapitals heißt es:
„Der Reichskanzler betonte energisch, daß er keine Diskriminierung fremden, zu legitimen wirtschaftlichen Zwecken in Deutschland angelegten Kapitals zulassen werde. Das gelte u.a. auch, trotz des besonderen deutschen Interesses an der Hebung der deutschen Kraftwagen-Industrie, für das Kapital der General Motors und ähnlicher Gesellschaften. Er erwarte natürlich, daß das deutsche Kapital im Ausland ebenso sicher sei.“ (3)
ITT war an guten Beziehungen zum entstehenden Nazi-Reich interessiert, da es 1930 den deutschen Elektrotechnikhersteller C. Lorenz AG übernommen hatte. In den Jahren der Hitler-Regierung wurde ITT unter der Führung des Firmen-Gründers Sosthenes Behn ein Förderer der deutschen Rüstungswirtschaft, etwa als man Anteile an den Flugzeugwerken Focke-Wulf übernahm (wozu 1938 mehrere Unterredungen zwischen Behn und Luftfahrtminister Hermann Göring stattfanden). Durch ihre Tochterfirma C. Lorenz AG übernahm ITT 28 Prozent des Flugzeugbauers Focke-Wulf. Dieser stellte Jagdflugzeuge und Bomber her, die im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz kamen und „den Geleitzügen der Alliierten heftige Schäden zufügen sollten“. (4)
Bald nach der Unterredung vom 2. August muss Henry Mann noch einmal bei Hitler auf dem Obersalzberg zu Besuch gewesen sein, diesmal in Begleitung von Winthrop Aldrich (Chase National Bank in New York City). Für Freitag, den 1. September 1933 steht jedenfalls im Tagebuch des Botschafters der USA in Berlin, William E. Dodd:
„Henry Mann von der National City Bank sprach von dem Gespräch, das er und Herr Aldrich etwa zehn Tage zuvor mit dem Kanzler in seinem Sommerhaus hatten. Die von Hitler vorgetragenen Ideen waren dieselben, die er Professor Coor vorgetragen hatte. Er ist ein Fanatiker in der Judenfrage. Er hat keine Vorstellung von internationalen Beziehungen. Er hält sich für einen deutschen Messias. Aber trotz Hitlers Haltung glauben diese Bankiers, dass sie mit ihm zusammenarbeiten können.“ (5)
Henry Mann, von jüdischer Abstammung, unterhielt nach 1933 enge Verbindungen zum Unternehmer Ewald Hecker und dem Nazi-Bankier Kurt Freiherr von Schröder. Er lebte teilweise in Berlin und blieb von der NSDAP unbehelligt. (6)
Winthrop Aldrich wiederum war in der Zeit seines Besuchs bei Hitler Mitglied einer nachrichtendienstlichen Geheimgesellschaft, die sich um Vincent Astor scharrte.
Zwei Zitate zu Astors Geheimgesellschaft, aus denen hervorgeht, dass der neue US-Präsident Franklin D. Roosevelt über Aldrichs Hitler-Besuch im Bilde gewesen sein dürfte:
„Bereits 1927 organisierte Astor zusammen mit mehreren Mitgliedern des New Yorker Adels eine Gruppe von Personen, die ein gemeinsames Interesse an der Landesverteidigung, einer robusten Wirtschaft, einer starken Marine und Luftwaffe und vor allem an einem sicheren und prosperierenden New York City hatten. Unter dem informellen Namen ,The Room‘ und später ,The Club‘ traf sich dieser Geheimbund von Amateur-Geheimdienstlern einmal im Monat in einer unscheinbaren Wohnung in der 34 East-Sixty Second Street in Manhattan, um über die internationalen sozialen, militärischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten des Tages zu diskutieren. Zu den Mitgliedern gehörten Will Stewart, Judge Kernochan, Astor und Kermit Roosevelt, allesamt Mitglieder der ,Nourmahal-Gang‘, sowie Verleger wie Nelson Doubleday, die Wall-Street-Manager J.P. Morgan und Winthrop Aldrich und andere wohlhabende New Yorker. Später wurden besondere Gäste wie Richard Byrd, William Donovan und der ehemalige britische Geheimdienstoffizier Somerset Maugham eingeladen, um in der informellen Geheimgesellschaft zu sprechen. Als Roosevelt 1933 die Präsidentschaft antrat, leitete diese Gruppe von Personen, die alle FDR gut kannten, wirtschaftliche und politische Informationen direkt an den Präsidenten weiter.“ (7)
Und:
„Mit ihrer Vorliebe für Geheimnisse, geteilte Vertraulichkeiten und klandestine Verkleidungen könnte man The Room leicht als dilettantische Amateure abtun, als erwachsene Männer, die sich an Knabenspielen mit Geheimcodes und unsichtbarer Tinte erfreuen. Bis zu einem gewissen Grad war dieser Eindruck zutreffend. Doch aufgrund ihrer gehobenen beruflichen und gesellschaftlichen Stellung verfügten sie über wertvolle Informationen. Mit dem Amtsantritt von FDR als Präsident am 4. März 1933 hatte The Room nun einen Freund an der Spitze und einen eifrigen Abnehmer für seine Insiderinformationen. Roosevelt war zwar nie offiziell Mitglied von The Room, aber er kannte sie alle aus Groton, Harvard, aus der Gesellschaft und aus dem Berufsleben. Sie waren seine Leute. Denn so sehr FDR in seinem öffentlichen Leben auch mit den Mürrischen, Erdigen, Bescheidenen verkehrte – politischen Kumpanen wie einem Louis Howe, einem Jim Farley oder einem Ed Flynn –, wenn es um rein gesellschaftliche Angelegenheiten ging, zog er es vor, sie mit seinen Mitpatriziern zu verbringen.“ (8)
Quellen:
(1) Vgl. Henry Mann, 78, World Financier; Director of U.S. Investment in Europe in 1920’s Dies. The New York Times, 26. August 1968; https://www.nytimes.com/1968/08/26/archives/henry-mann-78-world-finangier-director-of-usinvestment-in-europe-in.html
(2) Zit. wie Karsten Heinz Schönbach: Die deutschen Konzerne und der Nationalsozialismus 1926-1943, Trafo, 2019, S. 578.
(3) Zit. wie Wolfgang Ruge / Wolfgang Schumann (Hrsg.): Dokumente zur deutschen Geschichte 1933-1935. Röderberg-Verlag, 1977, S. 56.
(4) Vgl. Anthony Sampson: Rüstungshilfe für die Deutschen. Der Spiegel, 24. Juni 1973; https://www.spiegel.de/politik/ruestungshilfe-fuer-die-deutschen-a-9d22ecdc-0002-0001-0000-000042602483. Wie Charles Higham schreibt, stiegen Behn / ITT als Investoren auch bei der Enskilda Bank in Schweden ein, die das SKF-Kugellager-Kartell finanzierte. Die Erzeugnisse von SKF besaßen für die deutsche Rüstung imminente Bedeutung: „Winzige Kugellager waren unentbehrlich für die Nazis: Die Luftwaffe konnte ohne sie nicht fliegen, die Panzer und gepanzerten Fahrzeuge konnten für ihre Todesmissionen nicht rollen. ITTs Focke-Wulfs, Fords Autos und Lastwagen für den Feind wären ohne sie machtlos gewesen. Tatsächlich hätte der Zweite Weltkrieg ohne sie nicht geführt werden können. Focke-Wulf verwendete mindestens viertausend Kugellager pro Flugzeug: in etwa so viele wie für die Flying Fortresses gebraucht wurden. Gewehre, Bombenzielgeräte, Elektrogeneratoren und Motoren, Ventilator-Systeme, U-Boote, Eisenbahnen, Bergbaumaschinen, ITTs Kommunikationsgeräte – all dies war kugelgelagert.“ Higham erklärt weiter, dass der „größte Anteil“ der SKF-Produktion „bis in die Endphase des Zweiten Weltkrieges Deutschland zuzuordnen“ war: „60 Prozent der weltweiten Produktion von SKF war den Deutschen gewidmet.“ Zit. wie Charles Higham: Trading with the Enemy – The Nazi-American Money Plot 1933-1949. iUniverse Inc., 2007, S. 116, 117. Zur Unterstützung, die das Dritte Reich durch die mit SKF verbandelte Stockholmer Enskilda Bank (Teil des Wallenberg-Imperiums) erhielt, siehe Gerard Aalders / Cees Wiebes: The Art of Cloaking Ownership: The Secret Collaboration and Protection of the German War Industry by the Neutrals – The Case of Sweden. Amsterdam University Press, 1996.
(5) Zit. wie William E. Dodd: Ambassador Dodd’s Diary 1933-1938. Victor Gollancz Ltd., 1943, S. 45.
(6) Vgl. Schönbach: Die deutschen Konzerne., a.a.O., S. 107. Mann war 1926 „zum Vizepräsidenten für Europa bei der National City Company, einer Investmenttochter der National City Bank, ernannt“ worden. „Er leitete die Geschäfte des Unternehmens in Berlin und London bis 1934, als er Geschäftsführer der Brown Harriman & Co., Ltd. in London wurde.“ Er war ein Direktor der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer. Vgl. Henry Mann, 78, World Financier, a.a.O. Manns Bekanntschaften Ewald Hecker und Kurt Freiherr von Schröder saßen nach 1933 im Vorstand der Standard Elektrizitätsgesellschaft (SEG), einem Unternehmen, an dem ITT beteiligt war. Kurt von Schröder, den die SS unter der Nummer 276.904 als Mitglied führte, wurde im Dritten Reich „zum Anwalt der Interessen der ITT in Deutschland“, wie der britische Historiker Antony C. Sutton schreibt. So habe Schröder „als Übermittler von Geldern der ITT“ gehandelt, „die 1944 an die SS-Organisation Heinrich Himmlers flossen, während der Zweite Weltkrieg bereits tobte und die Vereinigten Staaten sich mit Deutschland im Krieg befanden“. Zit. wie Antony C. Sutton: Wall Street und der Aufstieg Hitlers. Perseus Verlag, 2008, S. 80-81.
(7) Zit. wie Vincent Astor – Millionaire, Philantropist, Spy, and Friend of President Roosevelt. National Archives; https://artsandculture.google.com/story/EgVxQyhXXB8A8A.
(8) Zit. wie Presidential High Spies. Chryptome, Juli 2006 (Auszug aus Joseph E. Persico: Roosevelt’s Secret War – FDR and World War II Espionage, 2001); https://cryptome.org/prez-spies.htm
Für weitere Artikel zur Epoche der beiden Weltkriege, dem „zweiten Dreißigjährigen Krieg“ (Hans-Ulrich Wehler), siehe auf LarsSchall.de ferner:
Die USA und der schlimmste Fehler aller Zeiten
https://larsschall.de/die-usa-und-der-schlimmste-fehler-aller-zeiten/
Die klügsten Kerle im Raum 1919-1945: Sullivan & Cromwell
https://larsschall.de/die-kluegsten-kerle-im-raum-1919-1945-sullivan-cromwell/
Millionen stehen hinter mir!
https://larsschall.de/millionen-stehen-hinter-mir/
Der Schießbefehl vom 11. September 1941
https://larsschall.de/der-schiessbefehl-vom-11-september-1941/
Historische Zitate zum Angriff auf Pearl Harbor
https://larsschall.de/historische-zitate-zum-angriff-auf-pearl-harbor/
Die üblichen Geschäfte hinter dem Gemetzel
https://larsschall.de/die-ueblichen-geschaefte-hinter-dem-gemetzel/