Ist Geld ein reales Wesen mit einem eigenen Willen, welches unabhängig von uns Menschen agiert?
Von Ian Wright, Übersetzung Lars Schall
Sie finden das jeweilige englischsprachige Original von Ian Wrights Essays “Marx on Capital as a Real God“ und “Dark Eucharist of the Real God“ hier und hier.
Marx über das Kapital als einen wirklichen Gott
Von Ian Wright
Einleitung
Es gibt einen bestimmten Aspekt von Marx’ Theorie des Kapitalismus, der meiner Auffassung nach nicht ausreichend hervorgehoben wird. Und zwar ist es Marx’ Ansicht, dass das Kapital eine reale Entität ist – ein Wesen mit eigenem Willen, das unabhängig von uns agiert.
Und natürlich erscheint diese These, wenn man sie so unverblümt formuliert, absurd. Wie kann eine große Geldsumme, die dazu dient, Profit zu erwirtschaften, einen eigenen Willen haben? Das ergibt doch keinerlei Sinn.
Mein Ziel ist es hier allerdings, genau zu erklären, warum diese These nicht absurd ist, sondern vielmehr das Wesen des Kapitals auf den Punkt bringt, und dass es notwendig ist, Kapital als Entität zu betrachten, um die soziale Realität, in der wir uns befinden, vollständig zu verstehen.
Marx’ fremde Entität
Marx betrachtete den Kapitalismus als eine halbbewusste Gesellschaftsformation, die im Bann objektiver Wirtschaftsgesetze steht, welche niemand wirklich kontrolliert. Und Marx weist wiederholt darauf hin, dass der Kapitalismus die religiöse Mystifizierung reproduziert, die wir in früheren Stadien der Geschichte finden, allerdings in neuen Formen – wie zum Beispiel dem Warenfetischismus. Es ist also durchaus typisch für Marx, religiöse Metaphern zu verwenden, so er über den Kapitalismus spricht.
Jedoch sagt Marx in seinen 1844 verfassten Kommentaren zu James Mill noch mehr. Nachdem er seine typische These dargelegt hat, dass das Wesen des Geldes eine bestimmte Art sozialer Praxis ist – und nicht etwa eine Eigenschaft eines materiellen Gegenstands wie Gold –, sagt er weiter, dass unsere soziale Praxis zu einem eigenständigen, materiellen Gegenstand geworden ist – zu einem tatsächlichen Wesen, einem „wirklichen Gott“ –, welcher reale kausale Kräfte besitzt. Und dass wir Sklaven dieses Gottes sind und sein Kult zu einem Selbstzweck geworden ist.
„Das Wesen des Geldes ist zunächst nicht, dass in ihm das Eigentum entäußert wird, sondern dass die vermittelnde Tätigkeit oder Bewegung, der menschliche, gesellschaftliche Akt, wodurch sich die Produkte des Menschen wechselseitig ergänzen, entfremdet und die Eigenschaft eines materiellen Dings außer dem Menschen, des Geldes wird. Indem der Mensch diese vermittelnde Tätigkeit selbst entäußert, ist er hier nur als sich abhanden gekommener, entmenschter Mensch tätig; die Beziehung selbst der Sachen, die menschliche Operation mit denselben, wird zur Operation eines Wesens außer dem Menschen und über dem Menschen. Durch diesen fremden Mittler – statt dass der Mensch selbst der Mittler für den Menschen sein sollte – schaut der Mensch seinen Willen, seine Tätigkeit, sein Verhältnis zu anderen als eine von ihm und ihnen unabhängige Macht an. Seine Sklaverei erreicht also die Spitze. Dass dieser Mittler nun zum wirklichen Gott wird, ist klar, denn der Mittler ist die wirkliche Macht über das, womit er mich vermittelt. Sein Kultus wird zum Selbstzweck.“
Wir sollten besonders beachten, dass Marx von einem „wirklichen“ Gott spricht und nicht von einem imaginären Gott. Marx spricht also nicht von der bloßen ideologischen Verehrung des Idols der freien Marktwirtschaft oder des Marktes, sondern von einer tatsächlichen materiellen Unterordnung unter ein real existierendes Wesen.
Wissenschaft oder Metapher?
Das ist nicht bloß Warenfetischismus, sondern ein ausgewachsener Albtraum à la Lovecraft.
Das ist doch sicherlich übertrieben? Marx’ Aussage, dass die Warenproduktion ein „Wesen“ manifestiert oder heraufbeschwört, welches ein „wirklicher Gott“ mit „wirklichen Kräften“ ist, muss doch eine poetische Metapher sein, die eher auf dramatische Wirkung als auf wissenschaftliche Präzision abzielt?
Wir neigen stark dazu, Marx eher metaphorisch als wörtlich zu interpretieren, da unsere moderne, kommerzielle Kultur durch und durch säkular ist und wir sie tagtäglich leben. Die Wirtschaft ist, wie wir alle glauben, im Grunde ein profanes und kein sakrales Unterfangen. Wirtschaftliches Handeln zielt auf weltlichen Erfolg ab, nicht auf spirituelle Erleuchtung. Und Erfolg hängt letztendlich von einer gewissen Beherrschung der sozialen und materiellen Welt ab, was Fleiß, Experimentierfreudigkeit und Vernunft erfordert – und nicht die Verehrung, Unterordnung und den Glauben an höhere Wesen. Der Kapitalismus steht für wissenschaftliche Rationalität und technologischen Fortschritt und hat sich gerne von früheren Vorstellungen über allmächtige Götter gelöst.
Außerdem sind viele von uns, so hoffe ich, nüchterne Wissenschaftler. Und daher sollten wir Behauptungen über mysteriöse Wesen, die „außerhalb des Menschen und über dem Menschen“ existieren, sofort mit Skepsis begegnen.
Die Frage, mit der ich mich beschäftigen möchte, lautet also: Ist Marx’ „wirklicher Gott“ tatsächlich real? Handelt es sich um ein Wesen, das tatsächlich existiert? Oder ist es bloß eine Metapher, die dazu dient, bestimmte Eigenschaften der sozialen Realität zu veranschaulichen oder zu dramatisieren? Inwieweit sollten wir Marx ernst nehmen?
Verehren wir wirklich blindlings einen fremden Gott, der uns kontrolliert?
Um diese Frage zu beantworten, muss ich einige Kernaspekte von Marx’ Denken einmal mehr betrachten, insbesondere seine Theorie des wirtschaftlichen Werts, allerdings aus einer neuen Perspektive, nämlich der der Kontrolltheorie. Und mit Kontrolltheorie meine ich die wissenschaftliche und mathematische Theorie von Kontrollsystemen. Diese neue Perspektive wird uns helfen zu entscheiden, wie wir Marx’ Rede von einem „wirklichen Gott“ interpretieren sollen.
Die Affinität aller Dinge
Wir alle wissen, dass Teile der Realität andere Teile der Realität darstellen oder messen können. Ein Lineal misst die Länge, ein Thermometer misst die Temperatur und so weiter. Wir haben diese Messgeräte für einen bestimmten Zweck geschaffen.
Doch die Bedeutung von Geld – was es kennzeichnen oder darstellen könnte – ist weniger klar. Obwohl Geld bereits vor über 2000 Jahren aufkam, bleibt stark umstritten, was es als Symbol darstellen könnte.
Um es klar zu sagen: Mit „Geld“ meine ich nicht tatsächliche Münzen oder Banknoten, sondern die numerischen Werte, die auf Münzen geprägt, auf Banknoten gedruckt oder als Bits in Computern gespeichert sind und so weiter. Um ganz genau zu sein, müsste ich von einer „Rechnungseinheit“ sprechen. Aber „Geld“ zu sagen ist einfacher, solange wir uns darüber im Klaren sind, was wir damit meinen.
Nun befasst sich Marx in den berühmt-berüchtigten, schwer verständlichen Eröffnungskapiteln des ersten Bandes von „Das Kapital“ mit der Bedeutung des Geldes. Er stellt fest, dass der Austausch von Waren auf dem Markt impliziert, dass diese etwas Gleichwertiges oder Äquivalentes an sich haben. Wenn ich beispielsweise 20 Yards Leinen für 10 Pfund verkaufe und meine 10 Pfund anschließend für einen neuen Mantel ausgebe, dann wurden 20 Yards Leinen durch den Tauschvorgang indirekt einem Mantel gleichgestellt.
Wären die Marktpreise völlig beliebig, gäbe es nichts weiter zu sagen, da diese Äquivalenz rein zufällig wäre. Doch wiewohl Preise schwanken, sind sie nicht zufällig. In diesem Rauschen steckt ein starkes Signal. In der Regel kann man keinen Kugelschreiber verkaufen und dann ein Flugzeug kaufen. Und man kann nicht einen Tag arbeiten und dann seinen Tageslohn für den Kauf einer Villa ausgeben. Es gibt Ausnahmen. Aber die Ausnahmen bestätigen die Regel.
Zu jedem Zeitpunkt gibt es somit feststehende, etablierte Marktpreise, die die Verhältnisse bestimmen, in denen Waren miteinander getauscht, das heißt ausgeglichen, werden können. Und all diese Tauschvorgänge werden – um es mit Marx’ Worten zu sagen – durch einen „fremden Mittler“ erleichtert, den wir Geld nennen.
Die „Magie und Nekromantie“ der Waren
Ein kurzer Blick in ein beliebiges anthropologisches Lehrbuch zeigt schnell, dass Menschen die unterschiedlichsten und außergewöhnlichsten Vorstellungen davon haben, wie die Welt funktioniert und wie wir unser tägliches Leben gestalten sollten. Was manche Kulturen als normal ansehen, würden andere als seltsam und bizarr empfinden.
Wir betrachten unsere eigene Kultur selten aus anthropologischer Perspektive. Das liegt daran, dass es schwierig ist. Es erfordert, aus dem eigenen Denkrahmen herauszutreten und das Gewöhnliche und Akzeptierte als ungewöhnlich und fragwürdig zu betrachten.
Nehmen wir uns also einen Moment Zeit, um zu erkennen, wie fantastisch der Warenaustausch eigentlich ist.
Nur überzeugte Okkultisten würden es wagen zu behaupten, dass alles, was wir um uns herum sehen – alle Dinge und Aktivitäten auf der Welt – trotz aller äußeren Anzeichen in Wirklichkeit dasselbe sind. Dass 1 kg Kaviar „das Gleiche ist wie“ 1000 verschiedene Menschen, die auf dieselbe Internetanzeige klicken. Oder dass die Clownereien auf einer Kinderparty tatsächlich „das Gleiche wie“ 200 Schuss Schrotflintenmunition sind. Oder dass 1 Monat Rechenzeit auf einem Hochleistungsrechner in der Cloud „das Gleiche wie“ 1 Tonne Kartoffeln ist. Nur hochqualifizierte Adepten könnten beginnen, die Wahrheit solcher kontraintuitiven und magischen Affinitäten zu erkennen.
Aber wir erkennen nicht nur die Wahrheit darin. Wir setzen sie offen und regelmäßig in die Tat um. Wir manifestieren diese magischen Entsprechungen tagtäglich. Wir behandeln Mengen an Fischeiern, menschlicher Aufmerksamkeit, Clownsvorstellungen, Kugeln, Rechenzeit, Kartoffeln und eine verwirrende Vielfalt anderer Dinge als „das Gleiche“ – denn auf dem Markt können sie alle über den „fremden Mittler“, den wir Geld nennen, gegeneinander eingetauscht werden.
Magische Traditionen schlagen eher zaghaft Beziehungen zwischen Planeten, Mineralien und dem menschlichen Schicksal vor. Doch die magischen Vorgänge unserer modernen Wirtschaftswelt – in der jedes Ding, jede Tätigkeit und sogar jedes zukünftige Ereignis erfolgreich auf vergleichbare Mengen jener Substanz reduziert wird, die wir „Geld“ nennen – übertreffen sowohl in ihrem Ausmaß als auch in ihrem Ehrgeiz bei weitem die abwegigsten Fantasien der mittelalterlichen Zauberbücher. Der Marktaustausch schafft eine universelle Verbundenheit zwischen allen Dingen unter der Sonne.
Aus derlei Gründen schreibt Marx vom „Geheimnis der Waren“ mit seiner „Magie und Nekromantie“.
Die wirtschaftlichen Geheimnisse
Marktgesellschaften erreichen eine gigantische begriffliche Abstraktion: Jede einzelne Sache, die wir untereinander tauschen, ist mit einer einzigen quantitativen Eigenschaft versehen, welche wir Tauschwert nennen. Doch auf recht mysteriöse Weise ist kein einzelner Mensch, kein einzelnes Bewusstsein dafür verantwortlich, diese Abstraktion beizubehalten.
Marx schrieb: „Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, dass sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken.“ (Marx, Das Kapital, Band 1)
Wir haben also zwei wirtschaftliche Mysterien: eine allgegenwärtige gesellschaftliche Abstraktion ohne offensichtlichen Inhalt und eine Abstraktion ohne einen Abstrahierenden.
Um zu entscheiden, ob Marx’ „wirklicher Gott“ real oder eine Metapher ist, müssen wir uns eingehender mit dem „fremden Mittler“ – dem Geld – befassen, damit, was der Tauschwert darstellt, und damit, was – wenn überhaupt – diese Abstraktion aufrechterhält.
Der Inhalt des Werts oder die abstrakte Arbeit
Beginnen wir also mit dem ersten Mysterium: Was ist die Abstraktion des Tauschwerts? Was bezeichnen diese Geldmengen eigentlich?
Marx argumentiert, dass sich der Tauschwert auf eine besondere, allen Waren gemeinsame Eigenschaft bezieht – nämlich darauf, dass sie Produkte der Arbeit sind. Kaviar und Klicks sind also gleich, weil ihre Manifestation als Waren auf dem Markt das Opfer der Arbeit eines Menschen erfordert.
Ich halte Marx’ Argumentation – für die These, dass die besondere, allen Waren gemeinsame Eigenschaft die Arbeit ist – für unbefriedigend. Ich halte Marx’ Schlussfolgerung zwar für richtig, seine Begründung dafür jedoch nicht. Ich möchte hier allerdings nicht in diese Debatte abschweifen. Nehmen wir dies also vorerst einfach als gegeben hin.
Marx sagt weiter, dass es sich bei dieser gemeinsamen Eigenschaft nicht um bestimmte Arten von Arbeit handeln kann – denn das Fischen von Kaviar, das Schreiben von Werbesoftware, das Anstellen von Clownereien oder die Herstellung von Kugeln sind sehr unterschiedliche Tätigkeiten.
Der Tauschvorgang abstrahiert von den individuellen Besonderheiten der verschiedenen Arbeitstätigkeiten und lässt etwas zurück, das ihnen allen gemeinsam ist, was Marx als „menschliche Arbeit im Abstrakten“ oder abstrakte Arbeit bezeichnet. Waren haben laut Marx nur deshalb einen wirtschaftlichen Wert, „weil abstrakt menschliche Arbeit in (ihnen) vergegenständlicht oder materialisiert ist“.
Nun müssen wir mit dem Begriff „vergegenständlicht“ behutsam umgehen. Marx meint damit nicht wörtlich, dass dem materiellen Körper der Ware abstrakte Arbeit innewohnt. Abstrakte Arbeit ist keine physische Eigenschaft eines Gegenstands. Was er meint, ist, dass ein bestimmter Anteil der gesamten Arbeitszeit der Gesellschaft aufgebraucht oder aufgewendet werden muss, um die Ware zu produzieren und auf den Markt zu bringen.
Abstrakte Arbeit ist also keine konkrete Arbeit, keine spezifische Art von Arbeitstätigkeit, sondern etwas anderes, etwas Tieferes und Allgemeineres. Wie Marx feststellt, hat abstrakte Arbeit „den Charakter der durchschnittlichen Arbeitskraft der Gesellschaft“. Eine gute erste Annäherung besteht daher darin, abstrakte Arbeit als die kausalen Kräfte des typischen oder durchschnittlichen Arbeiters zu verstehen. Das ist nicht ganz zutreffend, reicht aber fürs Erste aus.
Laut Marx bezieht sich die durch den Warenaustausch erreichte gigantische Abstraktion also auf einen bestimmten Inhalt, nämlich eine Eigenschaft der materiellen Welt, die er als abstrakte Arbeit bezeichnet.
Wie messen wir abstrakte Arbeit?
Marx stellt daraufhin sogleich die naheliegende Frage: „Wie nun die Größe (ihres) Werts messen?“, und er antwortet auf scheinbar einfache Weise, dass er sich „an ihrer Zeitdauer“ misst, „und die Arbeitszeit besitzt wieder ihren Maßstab an bestimmten Zeitteilen, wie Stunde, Tag“. Es geht also um Zeiteinheiten.
Wir könnten daher annehmen, dass wir sofort unsere Stoppuhren zücken und anfangen können, die Zeit zu messen, die Menschen mit Arbeit verbringen, und unsere Messungen dann mit den Preisen in Beziehung setzen, die wir auf dem Markt beobachten. Denn wenn Preise tatsächlich Arbeitszeit repräsentieren, sollten wir diese Behauptung im Prinzip wissenschaftlich überprüfen können.
Das wäre jedoch zu voreilig. Ehe wir überhaupt daran denken können, Marx’ Werttheorie empirisch zu überprüfen, müssen wir uns darüber im Klaren sein, worin diese Theorie eigentlich besteht.
Nun bin ich mir nicht sicher, inwieweit dies beabsichtigt ist, zumal ich Marx in Übersetzung lese. Es ist jedoch vielleicht bemerkenswert, dass Marx nicht fragt: „Wie sollen wir Mengen an abstrakter Arbeit messen?“, und er antwortet auch nicht, dass „wir sie anhand ihrer Dauer messen können“.
Und das liegt daran, dass nicht wir abstrakte Arbeit messen. Etwas anderes misst sie.
Diese Eigenschaft von Marx’ Theorie – dass Geld sich aufgrund unserer kollektiven, sozialen Tätigkeit und unabhängig von unseren Gedanken darüber auf die Arbeitszeit bezieht – unterscheidet sich radikal von der klassischen politischen Ökonomie seiner Zeit und auch von der modernen Wirtschaftstheorie.
Die Abstraktion stammt nicht von uns, da unsere Wahrnehmung diese Abstraktion nicht vornimmt. Wir sind nicht der Abstrahierende. Stattdessen nimmt der mysteriöse Abstrahierende die Messungen der Arbeitszeit vor und verbindet die Form des Werts, nämlich das Geld, mit dessen Inhalt, nämlich der abstrakten Arbeit.
Als Wissenschaftler besteht unsere erste Aufgabe also nicht darin, mit der Messung der Arbeitszeit zu beginnen. Unsere erste Aufgabe ist es, zu verstehen, was der Abstrahierende ist und wie er seine Abstraktion mit seiner Welt verbindet. Wir brauchen eine Theorie über dieses abstrahierende Wesen und dessen Fähigkeiten, ehe wir uns an die empirische Überprüfung machen.
Wer oder was ist der Abstrahierende?
Wir haben eine Teilantwort auf das erste wirtschaftliche Mysterium. Die Abstraktion des Tauschwerts – oder, einfacher gesagt, des Geldes – repräsentiert „abstrakte Arbeit“. Wenden wir uns also dem zweiten Mysterium zu: Wer vollzieht die Abstraktion? Wer oder was ist der mysteriöse Abstrahierende?
Tatsächlich hat Marx uns bereits verraten, wer es ist. Manchmal liegen Geheimnisse direkt vor unseren Augen verborgen. Der entscheidende Hinweis ist Marx’ Wahl des Titels für sein Hauptwerk. Der Abstrahierende ist das, was Marx als „Kapital“ bezeichnet.
Doch der Begriff „Kapital“ kann irreführend sein. Erstens lässt er uns an große Geldsummen denken. An eine kapitale Summe. Aber Kapital ist viel mehr als das. Und zweitens hat die moderne Wirtschaftstheorie den Begriff „Kapital“ auf einen banalen buchhalterischen Begriff reduziert, der auf verwirrende Weise Kapitalgüter mit großen Geldsummen vermischt.
Für Marx ist Kapital jedoch in erster Linie eine soziale Praxis. Kapital bezeichnet eine Reihe von Aktivitäten, die bestimmte Menschen regelmäßig ausüben, eingebettet in ein System aus Eigentumsrechten, Verträgen und Zwangsgewalt. Kapital ist ein Kreislauf, in dem eine anfängliche Kapitalsumme in die Produktion „investiert“ wird und dann typischerweise mit einem Gewinnzuwachs zurückfließt. Kapital vergrößert sich, wann immer es kann. Dieser Kreislauf wird nicht nur durch Geld vermittelt, sondern auch durch die wirtschaftliche Produktion selbst, einschließlich der Disziplinierung und Ausbeutung der Arbeiter.
Marx’ übliche Sprache – von Kapital, gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen, Akkumulationskreisläufen und so weiter – gibt nicht vollständig wieder, was wirklich vor sich geht, und ich glaube, dass er sich deshalb oft der religiösen Sprache zuwandte.
Anstatt also von „Kapital“ zu sprechen, werde ich auch von „dem Kontrollierenden“ sprechen. Denn Kapital ist ein Kontrollsystem, nicht nur im politischen Sinne, sondern in dem tieferen und wissenschaftlich wichtigeren Sinne, dass es ein Kontrollsystem mit negativer Rückkopplung ist. Kapital ist buchstäblich ein Kontrollierender. Wenn Kapital also ein Kontrollierender ist, wie funktioniert es dann, und was kontrolliert es?
Systeme der Kontrolle
Wissenschaftlicher Fortschritt besteht bisweilen darin, eine ganze Reihe unterschiedlicher Phänomene unter einem einzigen Prinzip zu ordnen. Das Aufkommen der Kybernetik zu Beginn des 20. Jahrhunderts war genau ein solches Ereignis.
Der Kerngedanke der Kybernetik besteht darin, dass viele verschiedene Arten von Systemen – seien sie mechanischer, physikalischer, biologischer, kognitiver oder sozialer Natur – Arten von Kontrollsystemen sind, die eine bestimmte Art von Kausalstruktur aufweisen: der negative Rückkopplungskontrollkreis.
Und es erweist sich, dass die negative Rückkopplungskontrolle erklärt, wie Teile der Realität andere Teile der Realität steuern und somit Bezug auf diese nehmen können.
Betrachten wir das alltägliche Beispiel eines Thermostats. Man legt das Ziel des Systems fest, indem man an der Temperatureinstellung dreht. Die Thermometer-Komponente des Systems misst die Raumtemperatur. Der Thermostat vergleicht mechanisch seine Einstellung mit der gemessenen Temperatur. Ist die Temperatur zu hoch, sendet der Thermostat ein Signal, um die Heizung einzuschalten; andernfalls schaltet er die Heizung aus. Auf diese Weise regelt das Heizsystem die Temperatur im Raum. Und das geschieht autonom, ohne dass Sie es jemals wieder anfassen müssen.
Alle negative Rückkopplungskontrollkreise bestehen aus vier Hauptkomponenten: (i) einem internen Sollzustand, (ii) einem Sensor, der eine Eigenschaft der Außenwelt misst, (iii) einem Komparator, der den Sensorwert mit dem Sollzustand vergleicht, und (iv) einem Effektor oder Aktionssystem, das die Außenwelt so verändert, dass sie sich dem Sollzustand annähert.
Die Temperatur unseres Körpers wird durch einen ähnlichen biologischen Rückkoppelungskreis gesteuert, nur dass dieser Rückkoppelungskreis nicht aus Metall, Drähten und Kunststoff besteht, sondern aus Nerven, Enzymen und Schweißdrüsen.
In der Tat entsprechen alle homöostatischen und zielgerichteten Systeme in der Natur diesem kausalen Muster. Verschiedene Beispiele setzen die Komponenten des Kontrollkreises lediglich auf unterschiedliche Weise um.
Und – vielleicht überraschenderweise – gibt es einen sehr bedeutenden Kontrollkreis, der sich vor aller Augen verbirgt und jeden Aspekt des modernen Lebens auf tiefgreifende und intime Weise beeinflusst.
Kapital als negatives Rückkopplungskontrollsystem
Die Grundeinheit der Produktion, in der Kapital und Arbeit zusammenkommen, um Güter und Dienstleistungen zu erzeugen, ist das kapitalistische Unternehmen. Und jedes gewinnmaximierende Unternehmen befindet sich im Besitz von privatem Kapital.
Kapitalisten schöpfen Gewinne aus Unternehmen. Sie können nur einen Bruchteil ihrer Gewinne für den Konsum von Luxusgütern ausgeben. Denn würden die Reichen ihren gesamten Gewinn für Luxusgüter ausgeben, würde ihr Kapital im Vergleich zu konkurrierenden Kapitalisten, die ihre Gewinne in weitere gewinnbringende Aktivitäten investieren, rasch schrumpfen und versiegen. Gewinne müssen reinvestiert werden, um weitere Gewinne zu erzielen. Dies ist die oberste Devise für jeden, der über eine kapitale Summe an Geld verfügt.
Kapitaleigner – also Kapitalisten – können nicht alles auf eine Karte setzen. Das ist zu riskant, da Unternehmen in Konkurs gehen oder wertaufbewahrende Aktiva an Wert verlieren können. Daher streuen Kapitalisten ihr Risiko, indem sie ein Portfolio aus Anlagen mit unterschiedlichen Risikoprofilen halten.
Ein typisches Portfolio besteht aus Barmitteln in verschiedenen Landeswährungen, Staats-, Kommunal- und Unternehmensanleihen, Aktien verschiedener Unternehmen – von risikoreichen Start-ups bis hin zu erstklassigen Unternehmen – sowie allen Arten von Ertrag einbringenden Vermögenswerten wie Grundstücken und Wohnimmobilien. Im Grunde alles, was eine überdurchschnittliche Rendite erzielen könnte.
Jedes einzelne Kapital muss darauf abzielen, die Rendite seines Portfolios zu maximieren. Gelingt ihm dies nicht, wird es im Vergleich zu anderen Kapitalien an Größe verlieren und schließlich gar kein Kapital mehr sein.
Und genau hier finden wir erneut die Kausalstruktur eines Rückkopplungskontrollsystems. Ein individuelles Kapital – wenn wir es als eine soziale Praxis betrachten, die durch eine große Summe Geld in Privatbesitz vermittelt wird – verfügt ebenfalls über einen eigenen Zielzustand, sensorische Eingaben, Entscheidungsfindung und die Fähigkeit, auf die Welt, in die es eingebettet ist, einzuwirken.
Gehen wir diese Punkte der Reihe nach durch. (i) Das Ziel eines individuellen Kapitals ist es, die durchschnittliche Rendite jedes investierten Dollars (oder Pfunds) zu maximieren. (ii) Die „Sinneseindrücke“ sind die unterschiedlichen Gewinnraten, die im gesamten Portfolio erzielt werden. (iii) Der Kapitalist oder die von ihm beschäftigten Finanzexperten vergleichen die verschiedenen Gewinnraten, und (iv) der Rückkoppelungskreis wird durch Maßnahmen geschlossen, die Kapital aus schlecht performenden Investitionen abziehen und in gut performende Investitionen einspeisen.
Dieser Kontrollkreis manifestiert sich als unersättliche und unaufhörliche Suche nach hohen Renditen.
Dem Kapital ist es gleichgültig, wie sein Geld tatsächlich in der Produktion eingesetzt wird. Es abstrahiert vollständig von allen konkreten Aktivitäten. Das Einzige, was es wahrnehmen, vergleichen und nutzen kann, ist der abstrakte Wert.
Die Kommandohöhen der Weltwirtschaft bestehen somit aus einem riesigen Geflecht einzelner Kapitalien, von denen jedes wie besessen nach Profit strebt, auf die Signale unterschiedlicher Renditen reagiert, die es über seine Tentakel erhält, welche sich auf alle unter seiner Herrschaft stehenden produktiven Tätigkeiten erstrecken, und kontinuierlich Kapital in verschiedene Industriezweige und geografische Regionen einspeist und aus diesen wieder abzieht. Die Gesamtheit der materiellen Ressourcen der Welt, einschließlich der Arbeitszeit von Milliarden von Menschen, wird immer wieder von Aktivitäten mit geringen Gewinnen hin zu solchen mit hohen Gewinnen umgeschichtet. Innerhalb weniger Monate können ganze Industriezweige aufgebaut, verlagert oder zerschlagen werden.
Kapitalisten sind besessen, bloße Maschinenkomponenten des Kapitals
Wie steht es mit den einzelnen Menschen, die an dieser gesellschaftlichen Praxis teilnehmen? Sicherlich spielen ihr individuelles Bewusstsein, ihre Ideen und ihr Verhalten eine Rolle und bewirken etwas?
Bis zu einem gewissen Grad tun sie das natürlich. Aber Menschen kommen und gehen, während Kapital viel länger Bestand hat als jeder einzelne Mensch. Die vom Kapital kontrollierten Menschen – also die Arbeiter, die den Unternehmen Arbeitskraft zur Verfügung stellen, und die Kapitalisten, die sie ausbeuten und Gewinne abschöpfen – sind bloße austauschbare Komponenten im Kontrollkreis, die mechanisch vorgegebene funktionale Rollen erfüllen.
So schreibt Marx beispielsweise in „Das Kapital“:
„Wenn der klassischen Ökonomie der Proletarier nur (eine) Maschine zur Produktion von Mehrwert (ist), gilt ihr aber auch der Kapitalist nur als Maschine zur Verwandlung dieses Mehrwerts in Mehrkapital.“
Wir sagen oft, dass ein Kapitalist Kapital besitzt. Aber es ist zutreffender zu sagen, dass das Kapital ihn besitzt. Kapitalisten sind das menschliche Gesicht einer unmenschlichen Intelligenz mit eigener Logik und eigenen Zielen.
„In der bürgerlichen Gesellschaft ist das Kapital selbstständig und persönlich, während das tätige Individuum unselbstständig und unpersönlich ist.“ (Kommunistisches Manifest)
Die dämonische Macht des Kapitals
Größere Kapitalien profitieren von umfangreicheren Portfolios, wodurch sich das Risiko verteilt. Infolgedessen konzentriert sich das Kapital tendenziell in wenigen Händen. So finden wir eine große Anzahl kleiner Kapitalien und eine sehr kleine Anzahl astronomisch großer Kapitalien, deren Gewinne das BIP vieler Nationalstaaten in den Schatten stellen. Das Ausmaß und die Macht einiger Kapitalien sind wahrhaft titanisch.
Und diese Titanen haben die Kontrolle so sehr im Griff, dass sie außer Kontrolle geraten sind. Noch einmal ein Zitat aus dem „Kommunistischen Manifest“:
„Die moderne bürgerliche Gesellschaft mit ihren Produktions-, Tausch- und Eigentumsverhältnissen, eine Gesellschaft, die so gigantische Produktions- und Tauschmittel herbeigezaubert hat, gleicht dem Zauberer, der die Mächte der Unterwelt, die er durch seine Zaubersprüche heraufbeschworen hat, nicht mehr zu beherrschen vermag.“
In der Mythologie sind Dämonen anarchische, außer Kontrolle geratene Wesen, die uns Schaden zufügen, indem sie uns quälen oder von uns Besitz ergreifen. Die Macht des Kapitals ist nicht nur titanisch, sie ist dämonisch. Betrachten wir kurz einige Beispiele.
Jeden Tag haben Millionen von Arbeitnehmern rund um den Globus keine andere Wahl, als ihre Zeit und ihre Lebenskraft zu opfern, um neuen Profit für die autonomen Kontrollierenden zu erwirtschaften. Ganz gleich, wie hart, lange oder effizient wir arbeiten – der Zwang zur Arbeit bleibt bestehen.
Warum? Weil jede arbeitssparende technische Innovation in Form von Profit erfolgt, der dann von einzelnen Kapitalien abgeschöpft und sofort wieder in die materielle Welt zurückgeführt wird, um neue Aktivitäten für weiteren Profit anzukurbeln. Deshalb bleibt der Arbeitstag trotz enormer Fortschritte in der Automatisierung so lang wie eh und je.
Nehmen wir ein weiteres Beispiel: Die Logik des Kapitals verlangt von den Unternehmen maximale Gewinnabschöpfung, und das bedeutet, die Löhne zu minimieren. Diejenigen, die vom Kapital besessen sind, führen ein luxuriöses Leben. Aber die Entrechteten dieser Welt müssen sich mit einem Durchschnittseinkommen von etwa 7 Pfund pro Tag ernähren, kleiden und ein Zuhause unterhalten.
Ein weiteres Beispiel: Es ist besser, ausgebeutet zu werden, als nicht ausgebeutet zu werden. Wir sind den Launen des Konjunkturzyklus und periodischen Akkumulationskrisen ausgeliefert. Rezessionen führen regelmäßig dazu, dass eine große Anzahl von Menschen ohne eigenes Verschulden ihre Arbeit verliert. Plötzlich können Rechnungen nicht mehr bezahlt werden. Familien werden auf die Straße geworfen, wie es in den USA während der Hypothekenkrise 2008 geschah und wie es jetzt wieder geschieht.
Warum? Weil einzelne Kapitalien nahezu blind sind. Sie sehen nur die Renditedifferenzen in ihren Portfolios. Und die Renditen können gut sein, selbst wenn die Arbeitslosigkeit hoch ist oder menschliches Elend auf die Straßen quillt. Dem Kapital ist das egal.
Ein weiteres Beispiel: Kapital handelt mit abstrakten Werten, und Dinge, die nicht in Besitz sind, die nicht gekauft und verkauft werden, haben für es daher überhaupt keinen Wert. So wird der materielle Reichtum der Natur – das Land, die Ozeane und die Atmosphäre – gnadenlos ausgebeutet, ohne Rücksicht auf die Folgen.
Das Kapital zerstört uns und die Umwelt. Die endlose Produktion und Gewinnmaximierung können nicht aufhören, denn jedes einzelne Kapital muss im Wettbewerb um sein Überleben bestehen. Marx fasste die oberste Direktive des Kapitals wie folgt zusammen:
„Akkumulieren, akkumulieren! … den größtmöglichen Teil des Mehrwerts … wieder in Kapital umwandeln! Akkumulation um der Akkumulation, Produktion um der Produktion willen: in dieser Formel sprach die klassische Ökonomie den historischen Beruf der Bourgeoisperiode aus.“
Somit verfolgen alle autonomen Kontrollkreise das einzige Ziel, aus den Aktivitäten der Welt Profit zu schöpfen. Wenn eine Aktivität dieses Ziel nicht erfüllt, zieht der Kontrolleur sein Kapital ab, und die Aktivität wird eingestellt.
An der Spitze der Wirtschaft steht also eine konkurrierende Ansammlung identischer Kontrolleure – mit einem atavistischen, niedrigen Niveau dämonischer Intelligenz –, die eine soziale Substanz einbringen und wieder entziehen, die die magische Kraft der Belebung, des zum Leben Erweckens, der Schöpfung zu besitzen scheint; die aber auch die Kraft der Vernichtung, des Erstickens, des Beendens, der Zerstörung zu besitzen scheint.
Wir haben definitiv nicht die Kontrolle. Und etwas anderes hat definitiv die Kontrolle.
Animismus
Wovon sprechen wir also jetzt eigentlich?
Wir sagen, dass eine neue Art von überindividuellem Kontrollsystem ganz spontan aus unserem eigenen sozialen Miteinander hervorgegangen ist und dann – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Eigenleben entwickelte, sich gegen uns wandte und uns zu kontrollieren begann.
Kapital ist im wissenschaftlichen, nicht im metaphorischen Sinne ein Kontrollsystem. Und es ist das Kapital als Kontrollsystem, das letztlich die Abstraktion schafft und aufrechterhält, die wir Tauschwert nennen. Das Kapital ist der Abstrahierende.
Bevor wir jedoch vollständig erklären können, wie das geschieht, müssen wir uns einen Moment Zeit nehmen, um die Beziehung zwischen Kontrollsystemen und primitiven Formen der Wahrnehmung zu untersuchen.
Die ersten Menschen waren der Natur ausgeliefert. Jederzeit konnte die Ernte vernichtet werden oder es konnte zu Krankheiten oder Verletzungen kommen. Der früheste theoretische Rahmen zur Erklärung der launischen Naturkräfte scheint der Animismus zu sein.
Animismus ist der Glaube, dass alle Naturphänomene – wie das Wetter, die Geografie, Pflanzen, Bäume, Tiere und so weiter – letztlich von einem autonomen, lebendigen Wesen mit menschenähnlicher Handlungsfähigkeit gesteuert werden. Die frühen Menschen glaubten, dass verschiedene Gruppen empirischer Phänomene von bewussten Geistern mit eigenem Willen gesteuert würden.
Marx gibt uns in Teil 3 von „Anti-Dühring“, (1) der mit einer Erörterung des Animismus beginnt, einen sehr kurzen Überblick über diese Religionsgeschichte. Die Wettergötter, Meeresgötter, Sonnengötter, Mondgötter, Götter der Krankheit und Heilung und so weiter sind die verborgenen Akteure oder die letztendliche Ursache unkontrollierbarer Ereignisse.
Wenn man nun glaubt, dass Götter unsichtbare Kräfte sind, die auf das eigene Leben einwirken, dann ergibt es durchaus Sinn, sich an sie zu wenden – durch Gebete, durch Opfergaben oder durch den Bau von Tempeln, um sie zu verehren. Die Macht und Erhabenheit der antiken Götter war der verzerrte Ausdruck der Ohnmacht und des Elends der frühen Menschen.
Der „wirkliche Gott“: jenseits des Warenfetischismus
Heutzutage haben wir im Vergleich zu unseren Vorfahren weitaus mehr Kontrolle über unser Leben. Und dieser materielle Fortschritt hat an sich nach und nach die materielle Grundlage für animistische Glaubenssysteme beseitigt.
Viele der Wirkkräfte der antiken Götter und Dämonen wurden nach und nach von der Wissenschaft erklärt. Und so verloren sie ihre Macht. Anstelle eines Sammelsuriums heidnischer Götter mit besonderen Kräften und Zuständigkeitsbereichen haben wir heute wissenschaftliche Disziplinen mit ihren eigenen Theorien und ihrer Fachterminologie.
Natürlich besteht animistische Religion in der kapitalistischen Gesellschaft fort, allerdings meist weit abseits des Mainstreams. Wie Marx in seiner kurzen Skizze erklärt:
„Auf einer noch weiteren Entwicklungsstufe werden sämtliche natürlichen und gesellschaftlichen Attribute der vielen Götter auf Einen allmächtigen Gott übertragen, der selbst wieder nur der Reflex des abstrakten Menschen ist.“
So sprechen moderne Mainstream-Religionen wie der Islam und das Christentum von einem einzigen, allumfassenden Gott, der fern und abstrakt ist und sich – anders als die animistischen Gottheiten der Vergangenheit – in der Regel nicht in alltägliche Phänomene einmischt.
Marx wendet sich dann der modernen Gesellschaft zu und macht den wichtigen Punkt deutlich, dass der Kapitalismus die materiellen Bedingungen, aus denen religiöse Überzeugungen entstehen, nicht beseitigt:
„in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft (werden) die Menschen von den von ihnen selbst geschaffenen ökonomischen Verhältnissen … wie von einer fremden Macht beherrscht. Die tatsächliche Grundlage der religiösen Reflexion dauert also fort und mit ihr der religiöse Reflex selbst. … Es heißt noch immer: der Mensch denkt und Gott (das heißt die Fremdherrschaft der kapitalistischen Produktionsweise) lenkt.“
Gerade weil das Kapital die Kontrolle innehat und nicht die Menschen, besteht die „tatsächliche Grundlage“ des „religiösen Reflexes“ fort.
Bekanntlich erklärt Marx im ersten Kapitel von „Das Kapital“, wie der Marktaustausch zwangsläufig zum Warenfetischismus führt – also zu der Illusion, dass der wirtschaftliche Wert eine natürliche oder materielle Eigenschaft der Waren sei. So scheinen leblose Gegenstände – insbesondere Geldformen wie Gold – fetischistisch betrachtet an sich besondere Kräfte zu besitzen.
Doch Marx’ Rede von einem „Gott“, dem wir „opfern“ und der „verfügt“, führt uns über den Warenfetischismus hinaus. Marx weist darauf hin, dass ökonomische Gesetze gottgleiche Kräfte besitzen, die unabhängig von uns wirken und uns wie Naturgewalten kontrollieren und beherrschen.
Begeht Marx daher einen animistischen Trugschluss, wenn er suggeriert, dass das Kapital als eigenständige Entität ein „wirklicher Gott“ mit „wirklichen Kräften“ sei, der über einen eigenen Willen verfüge?
Sobald wir Kapital als autonomes Kontrollsystem verstehen, lautet die Antwort ganz einfach „nein“. Ein negativer Rückkopplungskreis verfügt über alle grundlegenden Elemente der Wahrnehmung: Er nimmt tatsächlich wahr, entscheidet und handelt. Eine differenzierte Form des Animismus ist hier durchaus angebracht.
Natürlich unterscheidet sich der Zyklus aus Wahrnehmen, Denken und Handeln eines einzelnen Kapitals erheblich von dem eines einzelnen Menschen. Dennoch verfolgen beide bestimmte Ziele, und beide haben die Macht, Dinge zu bewirken. Das eine Kontrollsystem besteht aus Neuronen, Muskeln und Organen; das andere aus sozialen Praktiken, Glaubenssystemen und dem Austausch einer Wertsubstanz.
Animistisch gesprochen kontrolliert also in der Tat ein Geist oder eine Gottheit den Kapitalismus. Dieser Gott kann sich selbst in Stücke schlagen und zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten erscheinen. Und er kann sich mit Versionen seiner selbst verbinden, um sich zu größeren und mächtigeren Inkarnationen zusammenzufügen. Er kann Menschen in Besitz nehmen und sie kontrollieren, indem er sie zur Arbeit zwingt oder dazu, Reichtum anzuhäufen. Dieses Wesen lenkt das gesellschaftliche Geschehen, indem es seine magische Substanz, die wir Wert nennen, gewährt und entzieht. Wir opfern uns ihm, wir besänftigen ihn und hoffen, dass er uns wohlgesonnen ist.
All diese Aussagen sind wissenschaftlich korrekt. Es handelt sich nicht um Metaphern. Tatsächlich würde die Übernahme einer stärker animistisch geprägten Theorie des modernen Kapitalismus – entgegen der Intuition – einen wissenschaftlichen Fortschritt darstellen.
Nehmen wir nun diesen animistischen Standpunkt ein und fragen wir uns, worüber das Kapital als gottähnliches Wesen tendenziell nachdenkt. Was sind die Inhalte der Wahrnehmung des Kapitals?
Was kontrolliert der wirkliche Gott?
Manchmal ist es offensichtlich, was ein bestimmtes Kontrollsystem kontrolliert, weil wir es entworfen haben. Wir wissen zum Beispiel, dass ein Thermostat die Raumtemperatur kontrolliert. Folglich beziehen sich die elektrischen Kontrollsignale, die im Thermostat fließen, auf die Temperatur.
Doch die überwiegende Mehrheit der Kontrollsysteme wurde nicht von Menschen entworfen. Die Natur ist voll davon, von einfachen homöostatischen Mechanismen bis hin zu unglaublich komplexen Tiergehirnen. Diese Systeme haben sich ohne einen Konstrukteur entwickelt, und daher müssen wir uns mehr Mühe geben, um festzustellen, was sie steuern und was ihre internen Repräsentationen in ihrer Umgebung darstellen könnten, oder auch nicht.
Ich werde auf die Details einer wissenschaftlichen Theorie verzichten, die festlegt, was Kontrollierende tatsächlich kontrollieren. Das ist keine einfache Geschichte (siehe hier). Ich glaube, die Komplexität dieser Geschichte erklärt zum Teil, warum Marx’ Argument, dass abstrakte Arbeit die Substanz des Werts sei – in den ersten Kapiteln des „Kapitals“, die er bekanntlich immer wieder überarbeitete und von denen Engels scherzhaft sagte, sie trügen die Spuren von Marx’ schmerzhaften Karbunkeln –, nicht ganz zufriedenstellend ist. Marx war auf ein schwieriges Problem gestoßen, das sich mit den begrifflichen Werkzeugen seiner Zeit nicht vollständig lösen ließ.
Anstatt mich also in dieses Kaninchenloch zu begeben, werde ich stattdessen direkt zum Schluss kommen und einfach darlegen, was das Kapital als Kontrollsystem tatsächlich kontrolliert.
Wir wissen bereits, dass Kapital – ob groß, ob klein – eng mit dem Produktionsprozess verbunden ist. Das kapitalistische Unternehmen nimmt Kapital auf, um Produktionsfaktoren und Produktionsmittel zu kaufen und Arbeitskräfte einzustellen. Die Arbeitskräfte leisten konkrete Arbeit, um Gebrauchswerte für den Verkauf auf dem Markt zu produzieren.
Nun beurteilt der Kontrolleur alle verschiedenen konkreten Aktivitäten, die in seinem Portfolio stattfinden, auf dieselbe Weise: Welche Aktivitäten bringen überdurchschnittliche Renditen ein, und welche nicht? Der Kontrolleur belohnt Unternehmen, die vergleichsweise hohe Gewinne erzielen, mit neuen Investitionszuführungen; Unternehmen, die vergleichsweise geringe Gewinne oder Verluste erzielen, bestraft er hingegen durch den Abzug seines Kapitals. Diese monetären Belohnungen und Strafen fließen über die Unternehmen hinweg in den Arbeitsmarkt ein und belohnen konkrete Arbeit durch die Zahlung von Löhnen oder bestrafen sie durch Kapitalabzug und Arbeitslosigkeit.
In diesem sehr realen Sinne will das Kapital bestimmte Arten konkreter Tätigkeiten und lehnt andere ab. Die gewünschten Tätigkeiten sind jene, die überdurchschnittliche Gewinne abwerfen. Das Kapital kontrolliert somit uns. Und es kontrolliert, wie wir unsere Zeit verbringen.
Abstrakte Arbeit: die Art von Arbeit, die das Kapital will
Das Kapital will also Arbeitstätigkeiten, die Gewinn abwerfen. Vereinfacht gesagt lassen sich zwei wesentliche Eigenschaften identifizieren, die konkrete Arbeit aufweisen muss, um Gewinn zu erzielen.
Erstens muss sie für andere nützlich sein, das heißt, Waren produzieren, die auf dem Markt verkauft werden können. Niemand wird einen Mantel mit drei Ärmeln kaufen.
Zweitens muss es überdurchschnittlich effizient sein; mit anderen Worten: Ein Unternehmen erzielt mehr Gewinn, wenn es weniger Arbeitszeit aufwendet als Konkurrenten, die dieselbe Ware produzieren.
Und genau deshalb weist Marx, unmittelbar nachdem er den Begriff der abstrakten Arbeit eingeführt hat, sogleich darauf hin, dass nur gesellschaftlich notwendige und nützliche Arbeit als abstrakte Arbeit gilt.
Das Kapital will nicht, dass Arbeiter ihre Zeit damit verbringen, mit Familie und Freunden die Rosen zu beriechen. Diese Tätigkeit bringt keine verkaufsfähigen Gebrauchswerte hervor. Ebenso wenig will das Kapital, dass Arbeiter bei der Arbeit nachlassen oder krank werden. Nachlassen oder Kranksein sind nicht effizient. Hätte das Kapital uns völlig in der Hand, würde es uns dazu bringen, unsere gesamte Zeit mit Arbeit im Unternehmen in höchstmöglicher Intensität zu verbringen und ständig danach zu streben, andere Arbeiter auf dem Arbeitsmarkt zu übertrumpfen. Das ist die Art von Verhalten, die das Kapital will.
Das Kapital kontrolliert also die konkrete Arbeit, die tatsächlichen Arbeitstätigkeiten der arbeitenden Bevölkerung in all ihren vielfältigen Ausprägungen. Und das Kapital kontrolliert die tatsächliche Arbeitszeit, die tatsächlichen Uhrzeiten realer Menschen, die reale Dinge tun. Es ist das Kapital selbst, das eine metaphorische Stoppuhr in der Hand hält, misst und abrechnet, urteilt und verurteilt; stets auf der Wacht vor dem geringsten Nachlassen oder jeder Form von Ungehorsam.
Und das Ziel des Kapitals ist es, konkrete Arbeit in abstrakte Arbeit umzuwandeln – in jene Art von Arbeit, die sowohl in die Arbeitsteilung passt, sodass sie gegen andere Arbeit eingetauscht werden kann, als auch in jene Art von Arbeit, die sich vollständig dem Kapital opfert, sich selbst als Tribut hingibt, um Gewinne für das kapitalistische Unternehmen und letztlich für die kontrollierenden, dominierenden Kapitalkräfte zu erwirtschaften, die dahinter stehen.
Mit anderen Worten: „Abstrakte Arbeit“ wird durch das Kapital selbst manifestiert, in die Realität umgesetzt. Die Gewinnmaximierung ist nichts anderes als der Prozess, die Manifestation abstrakter Arbeit aus konkreter Arbeit zu maximieren.
Deshalb sagt Marx, dass nur abstrakte Arbeit „Wert schafft“. Konkrete Arbeit kann Wert schaffen oder auch nicht. Tut sie es nicht, handelt es sich nicht um abstrakte Arbeit, und das Kapital als Kontrolleur sorgt rasch dafür, dass sie verschwindet, indem es den Unternehmen, die sie einsetzen, das Kapital entzieht.
Kapital als Egregor
Das Kapital ist also ein Kontrolleur, der eine Form des Werts – das Geld – einsetzt, um den Inhalt des Werts – nämlich unsere Arbeitszeit – zu kontrollieren. Form und Inhalt sind miteinander verbunden, semantisch in einer Beziehung von Repräsentation zu Referent verknüpft, durch die gesetzmäßigen Regelmäßigkeiten, die durch die verallgemeinerte Warenproduktion verkörpert werden.
Wie wir gesehen haben, verkörpern Kontrollsysteme die Grundelemente der Wahrnehmung. Sie verfügen tatsächlich über interne Repräsentationen, die sich auf die Welt beziehen, in der sie wirken. Folglich ist Marx’ Werttheorie im Grunde eine Theorie einer fremden Wahrnehmung, die uns kontrolliert.
Kein Wunder, dass er von der Nekromantie der Warenproduktion schrieb, denn nur die religiösen, magischen und okkulten Traditionen unserer Geschichte verfügen über geeignete Konzepte, um unsere missliche Lage auszudrücken.
Das okkulte Konzept eines Egregors ist hier hilfreich. Ein Egregor ist ein nicht-physisches Wesen, das aufgrund der kollektiven rituellen Aktivitäten einer Gruppe existiert, jedoch autonom nach seiner eigenen inneren Logik agiert, um die Aktivitäten der Gruppe materiell zu beeinflussen und zu kontrollieren. Die Gruppe erschafft den Egregor, und der Egregor erschafft die Gruppe – in einer sich selbst verstärkenden Rückkopplungsschleife.
Marx weist in seinen „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von 1844“ ausdrücklich auf diese wechselseitige Beziehung zwischen einem Gott und seinem Volk, zwischen einem Kult und seinem Egregor hin.
„als Resultat aus der Bewegung des Privateigentums … haben (wir) den Begriff der entäußerten Arbeit gewonnen. Aber es zeigt sich…, dass, wenn das Privateigentum als Grund, als Ursache der entäußerten Arbeit erscheint, es vielmehr eine Konsequenz derselben ist, wie auch die Götter ursprünglich nicht die Ursache, sondern die Wirkung der menschlichen Verstandesverirrung sind. Später schlägt dies Verhältnis in Wechselwirkung um.“
Die rituellen Handlungen der frühen kapitalistischen Kulte waren materiell so erfolgreich, dass sie sich rasch ausbreiteten und innerhalb weniger Jahrhunderte die ganze Welt erfassten. Was universell ist, wird zum unbemerkten Hintergrund. Daher ist der Egregor in unserer Gesellschaft schwer zu erkennen. Er verbirgt sich in aller Öffentlichkeit. Wir beziehen uns freilich auf ihn, aber nur indirekt, indem wir einschläfernde Bezeichnungen wie „die Wirtschaft“, „die Märkte“ oder „das Kapital“ verwenden. Doch Marx wies auf einen besseren Namen für ihn hin, einen, der dazu bestimmt ist, uns aus unserem Schlummer zu wecken: Ein echter Gott mit echten Kräften.
Eine fremde Wahrnehmung, welche die Form des Werts an den Inhalt der Arbeit bindet
Das Kapital ist also ein Egregor. Nicht metaphorisch oder ironisch, sondern tatsächlich. Das Kapital ist ein Wesen, eine autonome Entität mit primitiven Gedanken über uns. Mit Geld misst es uns, und mit Geld befehligt es uns. Das Kapital ist eine fremde Wahrnehmung, welche in der Welt wirkt, um die Form des Werts an dessen Inhalt zu binden.
Nun wissen wir also, was der Abstrahierende ist. Und da wir nun ein klareres Verständnis der Kernstruktur von Marx’ Werttheorie haben, fällt es viel leichter, Fehlinterpretationen dieser Theorie zu erkennen.
Es gibt Fehlinterpretationen, die den Inhalt auf Kosten der Form betonen. Marx’ Theorie hat nichts mit dem naiven Materialismus gemein, den wir in der klassischen politischen Ökonomie finden, oder mit modernen Sraffianischen Interpretationen von Marx, die eine einseitige Kausalität von der konkreten Arbeitszeit zu den Geldpreisen postulieren. Stattdessen müssen wir über Rückkopplungskreise nachdenken, über eine wechselseitige Kausalität, vom Inhalt zur Form und von der Form zurück zum Inhalt.
Es gibt jedoch auch andere Fehlinterpretationen, die die Form auf Kosten des Inhalts betonen.
Es ist offensichtlich, dass Marx’ Theorie eine objektive Werttheorie ist. Ungeachtet der Behauptungen subjektiver Nutzentheorien des Werts können wir uns nicht gemeinsam wünschen, dass Flugzeuge billiger wären als Stifte. Wir sind nicht die dominierenden Kontrolleure, wir sind die Kontrollierten. Der einzelne Verbraucher ist nicht König.
Aber auch ausgefeiltere Varianten des Idealismus interpretieren Marx’ Theorie falsch. Manche Marxisten glauben, das Kapital träume von abstrakter Arbeit, dass abstrakte Arbeit eine Erfindung des kapitalistischen Systems sei, die sich nicht wirklich auf etwas beziehe, das unabhängig in der objektiven Realität existiere. Dies reduziert Marx’ Theorie auf eine postmoderne Parodie gespenstischer und idealer Formen.
In diesen Fehlinterpretationen hat die Form keinen Inhalt. Und so bezieht sich Geld nicht auf irgendeine Eigenschaft, die unabhängig von ihm existiert. Die Form schafft einen illusorischen Inhalt. Aus dieser Sicht mag abstrakte Arbeit zwar reale Auswirkungen haben – so wie der Glaube an den Weihnachtsmann Menschen dazu veranlassen kann, Plätzchen und Milch bereitzustellen –, aber sie existiert nicht wirklich.
Das mag raffiniert erscheinen, läuft aber letztendlich auf einen Wertnihilismus hinaus, bei dem es nur Preise gibt und sich dahinter nichts verbirgt.
Bei Marx’ Theorie geht es jedoch im Wesentlichen um die Kontrolle der konkreten Arbeitszeit, also um die tatsächlichen, objektiven Arbeitsbedingungen von Millionen von Menschen. Jede Interpretation von Marx, die behauptet, abstrakte Arbeit könne nicht unabhängig von Märkten und Preisen gemessen werden oder könne keine Definition des Wertinhalts liefern, ohne sich auf magische, von den Preisen abhängige Koeffizienten zu stützen – ist fehlgeleitet.
Natürlich spiegeln oder repräsentieren die Vorstellungen des Kapitals, wie die jeder anderen Entität auch, die Realität, in die es eingebettet ist, möglicherweise nicht perfekt wider. Wenn ein Kontrollsystem jedoch erfolgreich kontrolliert, dann stehen seine internen Repräsentationen in wahrheitsgetreuer Übereinstimmung mit der Realität. Und das Kapital ist ein überaus erfolgreicher Kontrolleur.
Und letztendlich ist dies der Grund, warum sich Marx’ Wertbehauptungen empirisch überprüfen lassen: Arbeit ist bereits darauf ausgerichtet, effizient und nützlich zu sein. Daher ist der Großteil der konkreten Arbeit bereits abstrakte Arbeit. Folglich entspricht eine zufällig ausgewählte Gruppe von 50 Arbeitern in etwa der wertschöpfenden Kraft von 50 Einheiten abstrakter Arbeit. Bei größeren Aggregaten verbessert sich diese Annäherung sogar noch.
Auf der Ebene eines einzelnen Arbeiters wird der Einsatz unserer Stoppuhr nicht funktionieren, da es keine Garantie dafür gibt, dass seine konkrete Arbeit letztendlich als abstrakte Arbeit zählt. Aber unsere Stoppuhr wird abstrakte Arbeit messen, wenn wir genügend Stichproben sammeln. Wie Marx feststellte, hat abstrakte Arbeit den Charakter der durchschnittlichen Arbeitskraft in der Gesellschaft. Der Kontroll-Erfolg des Kapitalismus bedeutet also, dass wir Mengen an abstrakter Arbeit messen können, bevor diese Arbeit auf dem Markt ausgeglichen und homogenisiert wird.
Eine Analogie könnte hier hilfreich sein, da es sich um einen recht subtilen, aber wichtigen Punkt handelt.
Ein Ethologe, der das Verhalten eines Tieres in freier Wildbahn untersucht, kann nicht wirklich in den Kopf des Tieres schlüpfen und die Welt durch dessen Augen sehen. Der Ethologe kann niemals vollständig wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Dennoch haben Ethologen detaillierte Theorien zur Echoortung entwickelt und dazu, wie die Wahrnehmung einer Fledermaus ihre Umgebung darstellt. In ähnlicher Weise untersuchen wir das Verhalten einer autonomen Einheit, die wir „Kapital“ nennen, mit einer uns fremden Wahrnehmung. Abstrakte Arbeit ist sein Begriff, nicht unserer. Aber wir können uns einen Begriff von abstrakter Arbeit bilden, der seinem Begriff von abstrakter Arbeit entspricht. Schließlich leben wir, die Beherrschten, und es, der Beherrscher, alle in derselben Welt. Und wir können beide über eine objektive Eigenschaft dieser gemeinsamen Welt sprechen und sie darstellen.
Und was ist diese objektive Eigenschaft? Wir können nun unsere anfängliche, ungefähre Definition der abstrakten Arbeit verfeinern. Es handelt sich nicht nur um durchschnittliche Arbeit oder um die allgemeinen Wirkkräfte menschlicher Arbeit. Es ist etwas Spezifischeres, etwas Historischeres und daher Kontingentes.
Abstrakte Arbeit ist eine Gesamtheit von Wirkkräften, über die die menschliche Arbeit verfügt und die sich in der Fähigkeit äußern können, eine unendliche Vielfalt nützlicher Dinge für andere herzustellen, durch härteres oder längeres Arbeiten Gewinne zu erzielen, Produktionstechniken zu verbessern, damit durch weniger Aufwand mehr produziert werden kann, und andere im unaufhörlichen Wettlauf um Profit zu übertrumpfen. Wenn uns Arbeitern diese Wirkkräfte fehlen würden, gelänge es dem Kapital nicht, uns zu den wertschöpfenden, homogenen Einheiten zu formen, die es sich wünscht.
Der Kapitalismus als okkulte Produktionsweise
Kapital ist keine riesige Geldsumme, sondern eine bestimmte Reihe sozialer Praktiken, die ein Kontrollsystem verkörpern. Jedes Kapital ist eine Kontrollinstanz, die unabhängig von jeglichem individuellen menschlichen Bewusstsein agiert. In diesem sehr realen Sinne ist jedes Kapital ein Eigenständiges, ein Für-sich-Seiendes. Und jedes Kapital verfügt über primitive Formen der Wahrnehmung: Kapitalien nehmen ständig wahr, entscheiden und handeln, um das übergeordnete Ziel der Gewinnmaximierung zu erreichen. Das ist keine Metapher, sondern Wissenschaft. Marx’ „wirklicher Gott“ ist wirklich real.
Marx erinnert uns daran, dass der Kapitalismus die materiellen Bedingungen, aus denen magisches und religiöses Denken entsteht, nicht beseitigt. Der Warenfetischismus ist weit verbreitet, und es herrscht große Verwirrung. So ist es der modernen Wirtschaftswissenschaft beispielsweise gelungen, Marx’ Werttheorie und den auf Diebstahl beruhenden Charakter der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse zu verdrängen, doch hat sie sich als unfähig erwiesen, eine alternative Theorie des wirtschaftlichen Werts zu formulieren. Die wirtschaftlichen Mysterien bleiben bestehen.
Um die Verwirrung und Mystifizierung noch zu verstärken, propagiert die kapitalistische Ideologie die Vorstellung, dass unsere kommerzielle Kultur im Grunde ein rationales und säkulares Unterfangen sei. Doch ist das Gegenteil der Fall. Die Rationalität des Kapitalismus ist nicht menschlich, sondern fremd, und wir kontrollieren sie nicht, sondern sie kontrolliert uns. Die kapitalistische Ideologie weigert sich, den „wirklichen Gott“, nämlich das Kapital, und unsere Unterordnung unter dieses zu sehen. Der Gott ist real, aber verborgen, er verbirgt sich in aller Öffentlichkeit. Und in diesem Sinne ist der Kapitalismus eine okkulte, keine säkulare Produktionsweise.
Die Wertform, jene titanische Abstraktion, die jeden Aspekt unseres Lebens durchdringt, ist gewissermaßen die Ursprache des Kontrolleurs. Er betrachtet und bewertet unsere Aktivitäten im Hinblick auf den abstrakten Wert, indem er die unterschiedlichen Profitraten seines Portfolios miteinander vergleicht. Aber er lenkt unsere Aktivitäten auch mithilfe des abstrakten Werts, indem sie ihr substanzielles Wesen – nämlich Geld – einbringt und wieder entzieht. Das Kapital ist darauf ausgerichtet, die gesamte Arbeitskraft der Gesellschaft in die spezifische Form der abstrakten Arbeit zu formen, zu gestalten und zu disziplinieren – also in eine Arbeit, die sich selbst gänzlich und vollständig als Tribut an das Kapital hingibt.
Die Wertform nimmt also sowohl an der Messung der Arbeitszeit als auch an deren Steuerung teil. Es sollte uns nicht überraschen, dass die Wertform auch eine imperativische Semantik besitzt. Geld ist nicht nur an der Messung beteiligt, sondern gibt auch Befehle. Der verallgemeinerte Warenaustausch hat keinen bewussten Planer und keinen Plan, und daher werden die zur Organisation der Arbeitsteilung notwendigen Befehls- und Kontrollfunktionen durch die Allokation von Kapital, die Weitergabe von Geld und die Preisstruktur erreicht.
Das Kapital zwingt die konkrete Arbeitszeit dazu, sich als abstrakte Arbeitszeit zu manifestieren, und bringt damit das zum Vorschein, was bereits latent in uns vorhanden ist. Doch das Kapital intensiviert und vervollkommnet nur einen Teil von uns. Wir sind mehr als bloße Wesen, die in der Lage sind, abstrakte Arbeit zu verrichten. Wir haben die Kraft, viel mehr zu tun, als nur nützliche Dinge herzustellen, indem wir lange Stunden intensiv arbeiten. Deshalb leisten wir trotz der Herrschaft des Kapitals Widerstand und finden Orte und Momente, an denen wir ganz wir selbst sein können. Doch das Kapital will nicht, dass wir spielen, lernen, entdecken, uns um andere kümmern oder frei hergeben. Das Kapital will, dass wir produzieren – endlos. Und deshalb werden wir unter der Herrschaft des Kapitals zu Schatten, zu bloßen, engen Abstraktionen dessen, was wir sein könnten.
Wir sind das Abstrahierte, und es ist das Abstrahierende.
Sklaven des Gottes-Kapitals
Lassen Sie mich mit einer sehr unverblümten Analogie schließen. Kühe können vieles tun. Aber alles, was uns interessiert, ist, dass sie so viel Milch und Fleisch wie möglich produzieren. Und so züchten wir sie, spritzen sie, ziehen sie auf und kontrollieren sie, damit sie nur das tun. Manchmal sind ihre Euter durch übermäßige Produktion so aufgebläht, dass sie reißen, aufplatzen und auslaufen.
Wir sind Vieh für das Kapital. Auch wir sind durch seine allumfassende Herrschaft verzerrt und entstellt worden. Es brandmarkt uns als abstrakte Arbeit. Aber wir sind auch konkrete Individuen. Die Form erschöpft nicht den Inhalt. Und diese scheinbar harmlose Nicht-Identität zwischen Form und Inhalt ist der fundamentale Grund, warum wir eines Tages der Herrschaft des Kapitals entkommen werden.
Die Dunkle Eucharistie des Wirklichen Gottes
Von Ian Wright
Wenn die kapitalistische Gesellschaft im Spiegel der Sozialtheorie über sich selbst nachdenkt, sieht sie das Bild einer säkularen und rationalen Produktionsweise, die zwar nicht makellos ist, letztlich aber vom pragmatischen und zugleich edlen Streben nach materiellem Fortschritt geprägt wird. Im Gegensatz dazu waren frühere historische Epochen, wenn sie in den Spiegel blickten, verzaubert vom glitzernden Spiegelbild eines Pantheons aus Gottkönigen und übermenschlichen Gottheiten. Unter solchen Umständen wurde der Lauf der Geschichte teilweise von einem intensiven Austausch zwischen den Völkern und ihren Göttern bestimmt. Doch wir Modernen, reifer und bewusster, blicken mit ungetrübter Klarheit auf das wahre Spiegelbild unserer eigenen Menschlichkeit, nunmehr allein, jedoch frei von Verblendung. Wir gestalten gemeinsam, wenn auch verwirrt, unsere eigene Geschichte ohne Bezug zum Jenseits. Denn wir haben uns, anders als unsere weniger aufgeklärten Vorfahren, von jeglicher Verzauberung befreit.
„Die Reform des Bewusstseins besteht nur darin, dass man die Welt ihr Bewusstsein innewerden lässt, dass man sie aus dem Traum über sich selbst aufweckt, dass man ihre eignen Aktionen ihr erklärt. Unser ganzer Zweck kann in nichts anderem bestehen, wie dies auch bei Feuerbachs Kritik der Religion der Fall ist, als dass die religiösen und politischen Fragen in die selbstbewusste menschliche Form gebracht werden. Unser Wahlspruch muss also sein: Reform des Bewusstseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewusstseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, dass die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, dass es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, dass die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewusstsein ihre alte Arbeit zustande bringt.“
Marx an Ruge, Kreuznach, September 1843
Unsere Reflexion flackert im Spiegel. Plötzlich taucht hinter uns eine dunkle Gestalt auf. Entsetzt starren wir sie an. Doch sie ist verschwunden. Da ist nichts. Wir müssen uns getäuscht haben. In unserer modernen Welt ist kein Platz für solche Dinge.
Erster Teil: Die Magie der Eucharistie
Geister beschwören
Jeden Tag versammeln sich Millionen von Christen in Kirchen auf der ganzen Welt, um das heilige Ritual der Eucharistie zu vollziehen. Gewöhnliches Brot und Wein verwandeln sich in das Fleisch und Blut Christi.
Die Eucharistie ist ein Beschwörungsritual und weist daher Ähnlichkeiten mit der ebenso alten Technik der salomonischen Magie auf. Der babylonische Talmud, der um 500 n. Chr. aus früheren mündlichen Überlieferungen zusammengestellt wurde, beschreibt, wie König Salomon, Herrscher über das antike Königreich Israel, den Fürsten der Dämonen herbeirief, damit er ihm beim Bau seines Tempels helfen sollte.
Im Laufe der Jahrhunderte verbreiteten sich Salomons magische Techniken weit und breit und tauchten gelegentlich aus der Untergrundüberlieferung in schriftlicher Form auf, beispielsweise in antiken magischen Papyri, mittelalterlichen Zaubereibüchern und in der okkulten Literatur der Neuzeit.
Das Christentum hat von Anfang an jede Identifikation mit den magischen Praktiken früherer und konkurrierender Religionen abgelehnt. Christliche Rituale gelten als heilig, nicht als magisch. Das Neue Testament verspottet die Trickserei des Simon des Zauberers. Die Wunder Christi dagegen sind real.
Die göttliche Quelle der beschwörenden Magie
Die Fähigkeit geweihter Priester, Christus zu beschwören, und die Fähigkeit okkulter Magier, Engel und Dämonen zu beschwören, entspringen jedoch derselben Quelle, nämlich Gott.
Im Neuen Testament treibt Christus einen Dämon aus einem Mann heraus in eine Herde Schweine. Die besessenen Schweine geraten daraufhin in Raserei und ertrinken in einem See. Und Christus teilte während des Letzten Abendmahls, in Vorwegnahme seines Todes am Kreuz, Brot und Wein aus und verkündete: „Das ist mein Leib … das ist mein Blut.“ Mit dieser Äußerung führte Christus das Ritual der Eucharistie für seine noch junge Kirche, die versammelten ersten Apostel, ein, damit sein Priestertum nicht mit seinem Tod enden, sondern für alle Ewigkeit fortbestehen würde.
Das Testament Salomos, das aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. stammt, beschreibt, wie der Engel Michael, ein Gesandter Gottes, König Salomo einen magischen Ring überreichte, der mit Gottes Siegel in Form eines Pentagramms versehen war. Der magische Ring verlieh Salomo die Macht, Geister zu befehligen.
Da Gott allmächtig ist, hat er natürlich die Macht, niedere Geister zu befehligen. Und gelegentlich gewährt er diese Macht auch Menschen.
Die Wissenschaft der Beschwörung
Die Eucharistie und die salomonische Magie, als von Gott geschenkte Formen der Beschwörungsmagie, haben gemeinsame Techniken.
Sowohl Priester als auch Magier reinigen sich rituell und üben vor der Beschwörung sexuelle Enthaltsamkeit. Beide tragen spezielle, gesegnete Gewänder und magische Talismane wie ein Metallkreuz oder ein Lamen, das um den Hals hängt und böse Geister abwehrt.
Der Priester spricht Weiheworte über Brot und Wein. Der Magier rezitiert innerhalb des Schutzes eines magischen Kreises Zaubersprüche, barbarische Namen und ruft die Hilfe von widerstehenden Engeln an. Die Worte sind aufgrund ihrer göttlichen Herkunft magisch und verwandeln sowohl den Priester als auch den Magier in Kanäle göttlicher Kraft.
Das Beschwören von Geistern ist keine leichte Angelegenheit. Zaubersprüche müssen feierlich und präzise gesprochen und von genauen rituellen Bewegungen begleitet werden, wie zum Beispiel dem Kreuzzeichen oder Gesten in Richtung der Himmelsrichtungen. Es müssen die richtigen Werkzeuge zum Einsatz kommen. So schwingen beispielsweise Priester der christlich-orthodoxen Kirche theatralisch ein Hexapterygon, einen Metallstab, an dessen Ende ein sechsflügeliger Engel befestigt ist, und salomonische Magier verwenden einen Eisenstab, ein speziell geschmiedetes Schwert oder ein Messer mit schwarzem Griff, vorzugsweise eines, mit dem zuvor ein Mensch getötet wurde. Diese magischen Instrumente helfen dabei, den einmal beschworenen Geist „festzuhalten“.
Eine Schwierigkeit bei der Arbeit mit Geistern im Vergleich zu anderen Substanzen besteht darin, dass sie typischerweise immateriell sind. Folglich ist ein physischer Behälter, ein „Spiritus loci“, erforderlich, in dem sich der Geist manifestieren kann. In der Eucharistie übernehmen Brot und Wein diese Rolle. In der salomonischen Magie zwingen ein Dreieck der Kunst, ein Messinggefäß, Weihrauch oder ein schwarzer Spiegel den Geist dazu, sich unseren gewöhnlichen Sinnen zu offenbaren.
Der Moment der Manifestation, auch Epiklesis genannt, kann mehr oder weniger dramatisch ausfallen. In der Eucharistie ist die Beschwörung – sofern kein Wunder geschieht – stets erfolgreich. Das gewöhnliche Brot und der Wein verwandeln sich ausnahmslos in das Fleisch und Blut Christi. Im Gegensatz dazu ist die Beschwörung von Dämonen weitaus unzuverlässiger und kann trotz sorgfältiger Vorbereitung scheitern. Die Epiklesis, sofern sie überhaupt stattfindet, kann daher dramatischer sein: Der Dämon ist eine spürbare, furchteinflößende Präsenz, oder er ist in einem schwarzen Spiegel sichtbar, oder – seltener – in voller Gestalt, böswillig außerhalb des Kreises schwebend.
Die heiligen Sakramente – das verwandelte Brot und der verwandelte Wein – sind die substanzielle Gegenwart Christi und verdienen daher den größten Respekt und die größte Aufmerksamkeit der Gläubigen. Die Sakramente können emporgehoben oder manchmal in einer prächtigen, verzierten Monstranz zur Schau gestellt werden. Dämonen sind natürlich gefährlich und nicht vertrauenswürdig. Sie mögen zwar einen Wunsch erfüllen, jedoch auf eine Weise, die dem Magier schadet. Daher müssen Wünsche sehr sorgfältig in Form eines bindenden magischen Vertrags formuliert werden. Und Dämonen muss die entsprechende Erlaubnis erteilt werden, am Ende der Zeremonie zu verschwinden, da sie andernfalls verweilen könnten, mit verheerenden Folgen.
Gottes Opfer
Obwohl sowohl die Eucharistie als auch die salomonische Magie Formen der Beschwörung von Geistern sind, unterscheiden sich die Rituale in ihrer Bedeutung und Tragweite.
Die salomonische Magie, deren früheste schriftliche Zeugnisse aus der Zeit um 300 v. Chr. stammen, ist eine Methode, eine Hierarchie geistiger Wesen zu zwingen. Die Eucharistie enthält kein Element des Zwangs. Denn die Eucharistie ist eine heilige Gemeinschaft, ein Zusammenkommen in Freundschaft. Wir haben also nichts zu befürchten – es bedarf weder Schutzkreise noch sorgfältig formulierter magischer Verträge. Denn der christliche Gott, so wird uns gesagt, hegt keinen Groll gegen uns, sondern liebt uns gar mit einer Liebe, die unser Vorstellungsvermögen übersteigt.
Der christliche Altar ist im Kontext der Eucharistie ein Opferaltar. Christus, der beschworene Geist, offenbart sich nicht, um unseren Befehlen zu folgen, sondern um uns an sein höchstes Selbstopfer zu erinnern. Gott ließ zu, dass Christus von den römischen Autoritäten hingerichtet wurde. Die Kreuzigung war Gottes liebevolles Selbstopfer für uns. Die Eucharistie ist daher nicht bloß eine Beschwörung von Geistern, sondern auch die Nachstellung eines Opferritus.
Die alten Griechen und Ägypter töteten in magischen Ritualen, die darauf abzielten, göttliche Gunst zu erlangen, riesige Mengen an Schafen, Ziegen und Schweinen. Die heidnischen Götter waren zwar unmenschliche Gottheiten, übernahmen jedoch menschliche Normen des gegenseitigen Austauschs. Je größer das Opfergeschenk, desto größer der potenzielle Segen. Der Gott des Alten Testaments sicherte dem Haushalt Wohlstand und Wohlergehen zu, wenn man ein Lamm opferte und dessen Blut an die Türpfosten strich. Eine Ratte hätte dafür einfach nicht ausgereicht. Noch wertvollere Gaben der Götter, wie etwa ihre Hilfe im Kampf, konnten durch das Schlachten Tausender von Tieren in großen, blutigen Opferorgien erlangt werden.
Der Gottesmord, das Opfer des höchsten Wesens, muss daher einen unvergleichlich größeren Wert haben als das Opfer eines bloßen Lammes, wie unschuldig und der Schlachtung unwürdig es auch sein mag. Das Blutopfer des Sohnes Gottes, das Vergießen von sündlosem und unschuldigem Blut am Holz des Kreuzes, war ein verheerender Verlust der Gegenwart Gottes auf Erden. Was könnte ein größeres Opfer sein, als unseren Schöpfer, der unter uns weilt, der Schlachtung auszusetzen? Folglich bewahrt der Tod Christi nicht bloß einen einzelnen Haushalt vor den Wechselfällen des Alltags, sondern bringt nichts Geringeres als die Erlösung aller Haushalte, der gesamten Menschheit und letztlich das Geschenk eines endgültigen Omega-Punkts, einer glückseligen Vereinigung mit Gott.
Das Brot und der Wein sind Teile des Leichnams Christi, die dann, ähnlich wie bei den Tieropfern der Antike, verzehrt werden. Dieses „Geist-Essen“ erquickt die Gemeinde mit der Gnade des Heiligen Geistes. Die Eucharistie ist somit zugleich eine Anrufung, ein Opfer und eine Vereinigung mit dem höchsten Wesen und daher in hohem Maße magisch.
Doch was ist Magie?
Ich werde diese Frage kurz beantworten, indem ich zwei grundlegende Gesetze der Magie darlege. Diese Gesetze werden selten diskutiert und sind daher höchst okkult, da bereits die Kenntnis dieser Gesetze an sich die magische Wirkung hat, deine magischen Fähigkeiten zu schwächen.
Wenn du also ein magisches Leben führen möchtest, solltest du jetzt aufhören zu lesen. Bitte halte einen Moment inne und überlege dir sorgfältig, ob du fortfahren möchtest. Es gibt kein Zurück mehr.
Die geheimen Gesetze der Magie
Das Wesen der Magie ist die Vorstellungskraft. Und so vermischt Magie stets das Reale mit dem Irrealen, einschließlich des ganz offensichtlich Falschen.
Echte Magie steht aufgrund dieses Elements der Falschheit daher in Verbindung mit der gewöhnlichen Magie, die ein Theaterzauberer vorführt. Zaubertricks dieser Art sollen den Glauben an das Unmögliche wecken. Ein Gegenstand aus dem Nichts. Wir sind überrascht und begeistert, weil dieses Ereignis unseren Vorstellungen davon widerspricht, wie die Welt wirklich funktioniert.
Aber niemand, weder der Darsteller noch der Zuschauer, erwartet eine grundlegende Revidierung seiner Überzeugungen. Wir alle kennen die geltenden gesellschaftlichen Regeln. Niemand wird wirklich getäuscht, denn der Trick ist vergänglich und endet, sobald sich der Saal leert. Das Publikum kehrt unterhalten, aber unverändert nach Hause zurück. Denn was unmöglich schien, war letztendlich doch möglich.
Echte Magier schaffen ebenso Überzeugungen, die nicht wahr sein können. Doch hier besteht der Trick darin, sich selbst und andere zu täuschen, um beständige Überzeugungen an das Unmögliche zu schaffen. Echte Magier – wenn sie einen Engel in einen Kristall herabrufen, einen goëtischen Geist in der dunklen Ecke einer kalten Kammer beschwören oder Christus in gewöhnlichem Brot und Wein manifestieren – glauben aufrichtig an die Wirksamkeit ihrer Rituale. Der Schrecken oder die Ehrfurcht können intensiv sein, und die Erinnerung bleibt bestehen, auch über das Ende des Rituals hinaus.
Echte Magie wirkt, indem sie unsere Vorstellungskraft anregt, Lücken in unseren gewöhnlichen Theorien darüber, wie die Welt funktioniert, zu schaffen und zu vergrößern. Und dann füllt sie diese Lücken mit außergewöhnlichen, esoterischen Inhalten. Echte Magie löst sich, wenn sie erfolgreich ist, von rituellen Ereignissen und durchdringt den Alltag mit neuer Bedeutung und neuem Sinn.
Niemand glaubt, dass gewöhnliche Magie real ist. Aber bei echter Magie soll jeder daran glauben.
Und so besagt das erste Gesetz der Magie, dass Magie funktioniert, wenn die Teilnehmer glauben, dass sie genau so funktioniert, wie sie es eigentlich nicht tut. Würden die Teilnehmer die zugrunde liegenden Mechanismen wirklich verstehen, würde sich die Magie auflösen und ihre Kraft verlieren. Magie funktioniert am besten, wenn man voll und ganz und aufrichtig daran glaubt, dass sie wahr ist.
Das zweite Gesetz besagt, dass die Kraft und die Wirkung eines magischen Effekts mit der Unglaubwürdigkeit der damit verbundenen Überzeugungen zunehmen. Wenn ein kleiner Wunsch in Erfüllung geht, nachdem man eine Münze in einen Brunnen geworfen hat, ist das schön, könnte aber auch Zufall sein, während die Kommunikation mit einer Gottheit in sichtbarer Gestalt die eigene Persönlichkeit erschüttern und den gesamten Lebensverlauf verändern könnte.
Eine zwingende Konsequenz dieser Gesetze ist, dass echte Magier – ob bewusst oder unbewusst – einen grundlegenden Kompromiss im Bereich der zwischenmenschlichen Manipulation eingehen müssen: Stärkere magische Wirkungen erfordern den Glauben an noch unglaubwürdigere Lügen, doch sind noch unglaubwürdigere Lügen schwerer zu glauben. Echte Magie unterliegt einem Kompromiss zwischen Macht und Leichtgläubigkeit.
Dieser Kompromiss erklärt, warum magische Texte von der Antike bis heute einen hohen Zeitaufwand erfordern, um geheimes Wissen und Macht zu erlangen. Eingeweihte müssen umfangreiche Teile des magischen Wissens beherrschen und regelmäßig meditieren, um ihre Fähigkeit zu steigern, sich glaubhaft auf das Unglaubliche zu konzentrieren. Magische Werkzeuge müssen aus schwer zu beschaffenden Materialien hergestellt werden. Rituale sollten unter präzisen Umständen zur richtigen Tageszeit und bei der richtigen Sternenkonstellation durchgeführt werden. Diese harte Arbeit und dieses Engagement summieren sich zu erheblichen materiellen und psychologischen versunkenen Kosten. Die Techniken bereiten den Praktizierenden vor und können die Erwartung eines magischen Effekts so sehr steigern, dass das Ritual, wenn es durchgeführt wird, eine angemessene Rendite für die Investition an Zeit und Mühe liefert – ein echtes Preis-Leistungs-Verhältnis, also einen wirklichen Effekt.
Wirkliche Magie funktioniert also wirklich.
Magier können mit ausreichendem Einsatz und Disziplin ihre Denkweise dauerhaft umkrempeln, ihr gesamtes Begriffsgefüge verändern und ihre Interpretation alltäglicher Ereignisse neugestalten. Denn das, was wir wahrnehmen, bestimmt bei weitem nicht vollständig, was tatsächlich der Fall sein könnte. Es gibt überraschend viel Spielraum für magische Weltanschauungen, die mit großen Teilen der Sinnesdaten vereinbar bleiben, einschließlich des Glaubens an außergewöhnliche Wesen.
Alle Tempel der heidnischen Götter, deren Überreste noch immer unsere Landschaft prägen, wurden von Menschen erbaut, die fest an deren reale Existenz glaubten. Die großen christlichen Kathedralen, die unter enormen Kosten errichtet wurden, dienten tatsächlich dazu, Gottes Menschwerdung als Christus zu feiern.
Im Falle magischer Phänomene tötet tatsächliches Wissen, wie es durch die wissenschaftliche Methode gewonnen wird, den Gegenstand seiner Untersuchung eher, als dass es ihn bereichert. Daher müssen die grundlegenden Gesetze der Magie stets verborgen bleiben, wahrhaft okkult, damit Magie überhaupt zu wirken vermag.
Die reale Präsenz Christi
Magische Überzeugungen können sich jedoch nicht gänzlich von den rationalen Normen lösen, die sich spontan aus der Notwendigkeit ergeben, die Gesellschaft materiell zu reproduzieren. Tempelbauer beschwören in der Regel keine Dämonen, sondern wenden ihr Wissen über Mechanik an. Folglich erfordert die Aufrechterhaltung magischer Leichtgläubigkeit eine gewisse Anpassung an den allgemeinen Bestand gewöhnlicher, nicht-magischer Überzeugungen darüber, was existiert und wie die Dinge funktionieren.
Die Eucharistie – als Beschwörung, Opfer und Vereinigung mit dem höchsten Wesen – ist in hohem Maße magisch. Sie strapaziert daher den Glauben und lädt zum Skeptizismus ein. Die großen Denker des Christentums haben im Laufe der Jahrhunderte beträchtliche Anstrengungen unternommen, um die Geheimnisse ihrer Glaubensgemeinschaft mit dem profanen Wissen der breiteren Gesellschaft in Einklang zu bringen.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, die Kraft der Eucharistie (die sich aus dem Glauben ergibt, dass Christus während des Rituals tatsächlich gegenwärtig ist) aufrechtzuerhalten, ohne dabei die Glaubwürdigkeit zu überstrapazieren (die sich aus der Tatsache ergibt, dass Christus tatsächlich nicht gegenwärtig ist). Christliche Theoretiker schwanken zwischen zwei Extremen: inflationäre Interpretationen – die behaupten, dass Gott objektiv und somit auf wundersame Weise gegenwärtig ist – und deflationären Interpretationen – die behaupten, dass Gott subjektiv und somit auf alltägliche Weise gegenwärtig ist.
Eine vollständige Deflation reduziert die Gegenwart Christi auf eine bloße Erinnerung. Der Vorteil dabei ist, dass dies vollkommen glaubwürdig ist. Der Nachteil ist, dass der magische Effekt entsprechend weniger intensiv ist.
Um etwas von der magischen Kraft zu bewahren, könnten Deflationisten zusätzlich behaupten, dass Brot und Wein soziale Symbole sind, die auf Christus verweisen, jedoch nicht alltäglich wie ein Verkehrsschild, sondern auf wundersame Weise kraft der Macht Gottes. Die Symbole repräsentieren Christus objektiv, nicht nur, weil wir daran glauben, sondern kraft der wirklichen Gegenwart Gottes, sowohl als Vater als auch als Sohn. Dies ist magischer, auch wenn seine Glaubwürdigkeit ein reiner Zirkelschluss ist.
Inflationäre Interpretationen hingegen gehen davon aus, dass Christus im Brot und im Wein wirklich gegenwärtig ist. Das ist eine kühne Behauptung. Doch die Vertreter dieser Sichtweise betonen nachdrücklich, dass es theologisch naiv wäre zu glauben, irgendein wissenschaftliches Experiment könne diese Gegenwart grundsätzlich nachweisen. Gott bewahre, dass Gott durch bloßen menschlichen Verstand auf die Probe gestellt würde.
Stattdessen griffen mittelalterliche Theologen auf die aristotelische Unterscheidung zwischen einer unveränderlichen Substanz (z. B. einer Ansammlung von H₂O-Molekülen) und ihren akzidentiellen Eigenschaften (z. B. ob Wasser flüssig, fest oder gasförmig ist; ob es heiß oder kalt ist; ob es transparent oder undurchsichtig ist etc.) zurück, um die Tatsache zu erklären, dass Brot und Wein während des Rituals nach unseren Sinneswahrnehmungen völlig unverändert bleiben. Die göttliche Manifestation, die tatsächliche Inkarnation in der Hostie, verändert nicht die akzidentellen Eigenschaften von Brot und Wein, sondern „transsubstantiiert“ deren zugrunde liegende Substanz. Da wir jedoch nur akzidentelle Eigenschaften wahrnehmen können, ist diese Veränderung für uns nicht zugänglich. Wie einige Theologen mutig hervorheben, vermittelt die Aussage Christi „Das ist mein Leib“ zwar eine „Tatsachenaussage“, jedoch keine „der empirischen Art“.
Inflationäre Interpretationen besitzen offensichtlich eine größere magische Kraft. So mächtig, dass diese Magie in die greifbare Realität durchdringen kann.
Das Fronleichnamsfest, bei dem die Realpräsenz Christi gefeiert wird, wurde 1264 von Papst Urban IV. als Reaktion auf das Wunder eingeführt, bei dem aus einer geweihten Hostie echtes Blut auf ein Tuch tropfte. Im 20. Jahrhundert wurden Spuren von Herzmuskelgewebe in geweihtem Brot gefunden, das Anzeichen von Belastungen aufwies, die mit einem Tod durch eine traumatische Kreuzigung vereinbar waren. Und die Magie der Eucharistie erstreckt sich ganz selten sogar auf die niederen Tiere. Der „Dialog über Wunder“ aus dem 13. Jahrhundert berichtet, dass Bienen einen Schrein für Christus errichteten, nachdem sakramentales Brot in ihren Bienenstock gelegt worden war.
Eine Spirale geistlicher Schöpfung
Unabhängig von theologischen Feinheiten bringt die Eucharistie eine Frucht, ein Ergebnis, ein Produkt hervor, das einen dualen oder zweifachen Charakter hat. Einerseits ist es Brot und Wein; andererseits das Fleisch und Blut Christi, entweder substanziell oder referenziell. Das außergewöhnliche Produkt der Eucharistie ist nichts Geringeres als die Substanz Gottes, des höchsten Wesens, allerdings in einem geopferten Zustand.
Die Gläubigen nehmen die göttliche Substanz zu sich, um sich in familiärer Liebe mit der christlichen Gemeinschaft zu verbinden, sich innig mit Christus zu vereinen und geistliche Nahrung und Erlösung zu empfangen, die die Frucht seines ursprünglichen Opfers am Kreuz ist. Christus erklärte:
„Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben, und ich werde ihn am letzten Tag vom Tod erwecken.“
Johannes 6,54.
Die Eucharistie verspricht also auch eine Art Unsterblichkeit. Diese göttliche Substanz ist aufgrund ihrer magischen Kräfte seit rund zwei Jahrtausenden sehr gefragt.
Doch die Eucharistie ist nicht bloß ein sich selbst reproduzierender Kreislauf aus Produktion, Verteilung und Konsum einer göttlichen Substanz. Die Eucharistie ist dazu bestimmt, in immer größerem Umfang vollzogen zu werden. Christus gab seinen Jüngern die Macht, Dämonen zu befehlen, und wies sie an, hinauszugehen und alle Völker zu taufen. Das Christentum wuchs rasch von einem kleinen jüdischen Kult zur offiziellen Religion des Römischen Reiches heran und prägte schließlich das geistliche Leben des mittelalterlichen Europas. Die Mission der Kirche Christi besteht darin, das Evangelium, also den „guten Zauber“, an die gesamte Menschheit zu verbreiten und die Eucharistie in immer größerem Umfang zu feiern, wodurch immer größere Mengen der heilsbringenden Substanz in unsere materielle Welt herabgerufen werden, bis schließlich am letzten Tag die gesamte Schöpfung von göttlicher Liebe erfüllt und gerettet sowie erlöst ist, in heiliger und ewiger Gemeinschaft mit Gott.
Die Massenbeteiligung an der Eucharistie führt die Menschheit in einer Aufwärtsspirale hin zum Guten. Die Eucharistie ist eine magische Lösung für das Problem des Bösen, welche die Vorstellungskraft von Millionen Menschen beflügelt und den Lauf der Menschheitsgeschichte maßgeblich beeinflusst hat.
Die Eucharistie ist in der Tat mächtige Magie. Im Vergleich zur immensen magischen Kraft der Dunklen Eucharistie, der wir uns nun zuwenden werden, ist sie jedoch ein sehr unbedeutendes Ding.
Teil Zwei: Dunkle Verzauberung
Der Moment der Epiklesis, in dem ein Geist beschworen wird, kann als plötzliche Umwälzung der Bedeutung dessen erlebt werden, was bereits empirisch vorhanden ist. Der Schatten in der Ecke, den man mit wachsender Angst beobachtet hat, regt sich unmerklich und offenbart eine greifbare Gestalt. Die „Schrecken jenseits der Grenze des Lebens“ existieren und üben ihren unheilvollen Einfluss aus, lange bevor wir sie bemerken.
Entzauberung
Der Kapitalismus, der sich von den feudalen Zwängen der Monarchie und der Kirche befreit hatte, entwickelte eine eigene Wirtschaftskultur, in welcher der weltliche Erfolg, gemessen am Gewinn, das oberste Kriterium war. Natürlich behielt die Bourgeoisie gerne alle religiösen Vorstellungen bei, die mit der Kapitalakkumulation vereinbar waren. Doch im Allgemeinen hatte die Aufklärung des 18. Jahrhunderts einen radikal säkularen Kern.
Das Wachstum der Industrie bedeutete, dass sich immer mehr Menschen ganz auf die praktischen Aspekte der Produktion konzentrierten. Jeder war mit einer neuen Art von Geschäft beschäftigt. Seltener richteten sich die Blicke nach oben, um über überirdische Wesen nachzudenken. Und so verloren magische Weltanschauungen an Bedeutung, und die Religion wurde auf ein paar Stunden am Sonntag beschränkt.
Das neue Feld der Sozialwissenschaft, die sich auf ihrer bürgerlichen Grundlage sicher fühlte, begann, Religion und Magie als kulturelle Objekte zu betrachten, die es zu untersuchen und zu vergleichen galt, und nicht mehr als Ideen, nach denen man leben und sterben musste. Die Sozialwissenschaft richtete ihre Aufmerksamkeit sogar auf ihre eigenen Voraussetzungen. Der Soziologe Max Weber betrachtete die Kommerzialisierung der Gesellschaft als einen Prozess der Entzauberung, als einen Triumph des Weltlichen über das Heilige.
Doch wie alle Magier wissen, kann mächtige Magie nur durch noch mächtigere Magie gebannt werden. Der Fokus des Kapitalismus auf kommerziellen Erfolg und seine allgegenwärtige wissenschaftliche und instrumentelle Rationalität können den Tod Gottes nicht vollständig erklären.
Eine Spirale der materiellen Produktion
Die Wissenschaft der Ökonomie ist des Kapitalismus‘ eigene Darstellung seines grundlegenden Wesens. Sie entwickelte sich im 18. und 19. Jahrhundert zu einem eigenständigen Forschungsgebiet. Von Anfang an wurde sie in erster Linie als Wissenschaft vom menschlichen Verhalten verstanden, das materiellen Zwängen wie der Knappheit von Boden, Arbeit und Kapital unterliegt.
Die klassische liberale Vision einer kapitalistischen Wirtschaft ist die eines großen Austauschs zwischen Menschen, der durch Geld und Märkte vermittelt wird. An einem Ende des sozialen Organismus produzieren Menschen Güter, am anderen Ende konsumieren sie diese. Der Marktaustausch verbindet und integriert diese beiden Pole. Die Gesetze von Angebot und Nachfrage sorgen dafür, dass sich die Produktion an die Wünsche der Verbraucher anpasst. Diejenigen, die über Kapital verfügen, stellen bei Bedarf Arbeitskräfte zu einem fairen Marktpreis ein und entlassen sie, wenn kein Bedarf besteht, damit sie anderweitig eingesetzt werden können. Die Arbeitskräfte werden somit richtig eingesetzt, wenngleich mit unvermeidbarer, aber vorübergehender Arbeitslosigkeit. Die Wirtschaft, angetrieben von menschlichen Wünschen und Bedürfnissen, passt sich an und wächst durch Signale der Gewinnrate, die Anreize für Innovation und Effizienz schaffen, was eine Produktion in immer größerem Maßstab ermöglicht. Natürlich lassen sich Ressourcenbeschränkungen nicht beseitigen. Nicht jeder kann alles haben, was er sich wünscht. Zumindest nicht sofort. Doch Gewinnstreben, harte Arbeit und umsichtiges Sparen für die Zukunft bringen unweigerlich die Früchte wachsenden materiellen Wohlstands hervor und treiben die Menschheit in einer Aufwärtsspirale hin zu einem endgültigen Omega-Punkt der universellen Befriedigung aller menschlichen Wünsche.
Eine zentrale Glaubensüberzeugung der kapitalistischen Ideologie besteht darin, dass wir Menschen das System antreiben, dass wir letztendlich die Kontrolle innehaben. Die marginale Wende in der Wirtschaftswissenschaft im 19. Jahrhundert festigte sich um die Vision des Homo oeconomicus, des rationalen Individuums, das so handelt, dass es sein Eigeninteresse optimiert. Die neoklassische Ökonomie des 20. Jahrhunderts schlug „repräsentative Akteure“ vor, also einzelne Denkweisen, die die Präferenzen von Millionen aggregieren und die Macht besitzen, nationale Volkswirtschaften zu lenken, indem sie den Nutzen gemäß den Axiomen der Theorie der rationalen Wahl maximieren. Ja, der Staat muss möglicherweise eingreifen, um Eigentumsrechte zu wahren. Er muss vielleicht sogar hier und da ein Monopol aufbrechen. Aber im Allgemeinen bestimmen wir Menschen, so wir uns durch Geld und Märkte selbst organisieren, unser eigenes Schicksal und erreichen optimale Ergebnisse.
In den verzauberten Welten der klassischen Antike und des Mittelalters verkehrte die Menschheit mit geistigen Wesen. Daher rührt die lange Geschichte der Opfergaben zwischen den Völkern und ihren Göttern. Doch der Kapitalismus hat die Götter abgeschafft. In unserer entzauberten Welt sind unsere eigenen menschlichen Wünsche der unbewegte Beweger, nicht ein verborgener Geist. Die Wirtschaftswissenschaft versteht den Kapitalismus als einen großen säkularen Austausch zwischen der Menschheit und sich selbst. Wir stehen uns auf dem Markt gegenüber, und nichts steht dazwischen. Wir sind souveräne Individuen, frei von feudalem Aberglauben und frei, nach Belieben zu kaufen und zu verkaufen.
Doch frei innerhalb gewisser Grenzen. Wir alle unterliegen den grundlegenden Gesetzen der Wirtschaft, die sich aus unserem kollektiven Verhalten ergeben. Die Knappheit der Ressourcen lässt sich nicht beseitigen. Wir müssen daher akzeptieren, dass fast alles, was wir tun, sowohl durch die uns zur Verfügung stehende Geldmenge ermöglicht als auch eingeschränkt wird. Denn das Geld in unseren Taschen, so wird uns gesagt, ist lediglich ein lokaler Ausdruck dieser globalen Knappheit. Wenn man sehr wenig hat und ein Leben in Armut führt, ist das bedauerlich, aber nicht wirklich vermeidbar.
Die säkulare Sichtweise der Wirtschaftswissenschaften stimmt mit vielen Aspekten unserer Alltagserfahrung überein. Doch am Rande dieser Sichtweise zeichnen sich Schatten ab, die auf andere Realitäten hindeuten. Die Wirtschaftswissenschaft vernachlässigt, dass sich herausbildende Gesetze durch sich herausbildende Mächte durchgesetzt werden müssen. Der Kapitalismus entzauberte die mittelalterliche Welt nur, indem er seinen eigenen neuen Zauber webte. Doch es ist ein dunkler Zauber, der die Existenz einer großen Durchsetzungsmacht verbirgt, die im Schatten lauert. Wenn wir uns auf dem Markt gegenüberstehen, steht sie zwischen uns – nicht als Vermittlerin unserer Wünsche, sondern als deren Kontrollinstanz.
Egregoren
Wir können damit beginnen, den dunklen Zauber zu brechen und die Umrisse der großen Macht zu erkennen, die im Schatten lauert, sobald wir begreifen, dass unsere wirtschaftlichen Aktivitäten nicht bloß wirtschaftliche Gesetze verkörpern, sondern ganze Rückkopplungskontrollkreisläufe, die als halbautonome Einheiten fungieren und die Aktivitäten ihres eigenen menschlichen Substrats steuern. Egregoren, nicht bloß wirtschaftliche Gesetze, überlagern unsere sozialen Praktiken.
Ein Egregor ist eine Entität, die aufgrund der kollektiven rituellen Aktivitäten einer Gruppe existiert, jedoch autonom nach seiner eigenen inneren Logik agiert, um die Aktivitäten der Gruppe maßgeblich zu beeinflussen und zu steuern. Die Gruppe schafft den Egregor, und der Egregor schafft die Gruppe – in einem sich selbst verstärkenden Rückkoppelungskreislauf.
Wie Edmund Griffiths hervorhebt, halten wir die Existenz alltäglicher Wesen – wie Menschen, Tiere, Pflanzen und so weiter – für selbstverständlich. Religionen gehen jedoch in der Regel von der Existenz außergewöhnlicher Wesen aus. Solche Aussagen sind Teil der Grundüberzeugungen des religiösen Systems und mit emotionaler Bedeutung aufgeladen. So sind beispielsweise alle Götter personifizierte Egregoren, von denen ihre Anhänger glauben, dass sie unabhängig von ihnen existieren.
Christus beispielsweise ist einer der Egregoren des christlichen Glaubens; man glaubt, dass er Gott ist, der buchstäblich als Mensch personifiziert wurde. Diese Behauptung mag wahr oder falsch sein. Doch die soziale Realität der Egregoren und ihre tatsächlichen Auswirkungen sind von dieser Beurteilung völlig unabhängig. Tatsächlich existieren manche Egregoren, ohne dass man überhaupt von ihnen weiß.
Die reale Präsenz des wirklichen Gottes
Alle Produktionsweisen benötigen Methoden zur Organisation der Arbeit und zur Verteilung von Ressourcen. Doch Marx weist in seinen Kommentaren zu James Mill aus dem Jahr 1844 darauf hin, dass diese Notwendigkeit im Kapitalismus eine unnötig entfremdete Form annimmt. Und mit „entfremdet“ meint er, dass sie uns aus den Händen genommen und etwas übergeben wird, das sich unserer bewussten Kontrolle entzieht.
Marx stellt fest, dass in der kapitalistischen Gesellschaft unsere wirtschaftlichen Aktivitäten von einer tatsächlichen Entität, einem „wirklichen Gott“, mit realen kausalen Kräften gesteuert werden. Und Marx beklagt, dass wir zu Sklaven dieses Gottes geworden sind und sein Kult zu einem Selbstzweck geworden ist. Mit anderen Worten: Die sozialen Beziehungen des Kapitalismus rufen einen Egregor hervor.
Wie? Der Kapitalismus ist ein Gesellschaftssystem, das von konkurrierenden privaten Kapitalien beherrscht wird. Ein privates Kapital ist nicht bloß eine große Geldsumme, sondern ein Rückkoppelungskontrollsystem, das vollständig auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Kapitalisten müssen als vorübergehende Eigentümer von Kapital nach Gewinn streben, sonst schrumpft ihr Kapital und sie laufen Gefahr, in die Reihen der Lohnarbeiter abgestoßen zu werden. Und Lohnarbeiter müssen nach Kapitalgebern suchen, die bereit sind, ihre Arbeitskraft einzustellen. Die Gesetze des kapitalistischen Wettbewerbs, die eine unbeabsichtigte Folge unserer besonderen Organisationsformen sind, zwingen uns alle dazu, uns auf bestimmte Weise zu verhalten – und prägen somit teilweise die Art von Wesen, die wir sind. Die Menschen in diesem Kreislauf, sowohl die produzierenden Arbeiter als auch die profitabschöpfenden Kapitalisten, erfüllen pflichtbewusst ihre zugewiesenen sozialen Rollen, wie verzauberte Stoffpuppen.
Kapital entsteht, wird gebündelt, aufgeteilt und vergeht. Vieles davon ist klein und zieht Profit aus einer Handvoll Lohnarbeiter; einiges ist astronomisch groß und zieht Profit aus Hunderten von Millionen. Kapital kann über mehrere Generationen hinweg bestehen bleiben und seine vorübergehenden menschlichen Träger überdauern.
Jedes private Kapital strebt wie besessen nach Profit, indem es auf Signale der Profitrate aus jeder produktiven Tätigkeit reagiert, die sich in Besitz nehmen lässt, finanzielle Belohnungen und Strafen verteilt, Mittel in profitable Aktivitäten investiert und sie aus unrentablen Aktivitäten abzieht. Infolgedessen werden die gesamten materiellen Ressourcen der Welt, einschließlich der Arbeitszeit von Milliarden von Menschen, immer wieder von Aktivitäten mit geringem Gewinn hin zu solchen mit hohem Gewinn umgeschichtet.
Marx’ Wirklicher Gott, den er „Kapital“ nennt, ist ein Egregor, der durch jeden Kreislauf der Kapitalakkumulation ins Leben gerufen wird. Der Egregor ist ein halbautonomes Wesen mit einer eigenen primitiven Form der Wahrnehmung: Er will Profit, er spürt das Vorhandensein und Fehlen von Profit und handelt dann in seiner Welt, um mehr Profit zu erlangen.
Unsere frühesten Theorien darüber, wie die Welt funktioniert, waren animistisch. Der Gott des Alten Testaments wurde zornig und bestrafte Israel mit einer Seuche. Die moderne Wissenschaft lehnt diesen Anthropomorphismus ab und erklärt stattdessen empirische Regelmäßigkeiten – seien sie natürlicher oder sozialer Art – anhand von Gesetzen. Doch Gesetze sind, richtig verstanden, Beschreibungen der kausalen Kräfte der Dinge. Die wichtige Erkenntnis des archaischen Animismus besteht darin, dass unsere Welt tatsächlich von Dingen bevölkert ist, die über eigene Kräfte verfügen und unabhängig von uns existieren.
Marx’ Wirklicher Gott ist genau ein solches Wesen. Er ist eine reale Präsenz unter uns. Seine Gebote beherrschen unseren Geist und bestimmen unser Handeln. Er besteht nicht aus Fleisch und Knochen. Er hat eine rein soziale Realität. Dennoch hat dieser blutlose Animismus blutige Folgen.
Eine okkulte Produktionsweise
Die Kirche Christi feiert seine reale Gegenwart während der Eucharistie. Der Kapitalismus hingegen feiert seinen Wirklichen Gott weder, noch personifiziert er ihn. Tatsächlich ist sein Egregor so gründlich verborgen, dass ihm noch immer ein vollständiger theoretischer Ausdruck und damit ein eigener Name fehlt.
Der Wirkliche Gott bleibt aus zwei Hauptgründen verborgen. Erstens wird das, was existiert, nicht unmittelbar durch direkte Erfahrung offenbart. Wir müssen wissenschaftlich vorgehen, um die verborgenen sozialen Mechanismen aufzudecken, die unser Leben bestimmen. Der Egregor des Kapitalismus ist eine Folge unserer sozialen Beziehungen und daher objektiv verborgen. Seine einzigartige und beständige Existenz muss aus der Vielzahl seiner empirischen Auswirkungen abgeleitet werden. Und erst mit der marxistischen Häresie des 19. Jahrhunderts erreichte diese Schlussfolgerung erstmals ihre Reife.
Der zweite Grund ist eher magischer Natur und daher eher eine Frage der Vorstellungskraft. Die etymologische Wurzel des Wortes „Religion“ liegt im „Binden“, im Schaffen einer Verpflichtung zwischen Menschen und einem Gott. Alle Religionen binden ihre Gemeinschaften. Daher sollten wir strukturelle Ähnlichkeiten zwischen religiösen und wirtschaftlichen Praktiken erwarten, da beide Gemeinschaften organisieren und integrieren.
Jede gesellschaftliche Institution braucht eine gute Geschichte, um ihren Ritualen Sinn zu verleihen. Christus wird wegen seiner Botschaft der Erlösung verehrt. Die kapitalistische Ideologie muss jedoch, um ihre magische Kraft zu bewahren, ihren eigenen Gott leugnen, da sie sonst riskiert, ihre Gemeinschaft aufzulösen. Das Wissen, dass die Welt von einer fremden Macht beherrscht wird – die jede arbeitssparende Innovation in die eiserne Notwendigkeit verwandelt, noch mehr zu arbeiten; die jene wenigen, die sie mit Macht und Reichtum ausstattet, unverschämt belohnt, während sie die Mehrheit entrechtet lässt; die die Demokratie korrumpiert und sie an unseren Arbeitsplätzen verhindert; die sich die große Macht des Staates aneignet, um ihren Einflussbereich zu vergrößern, die Armen zu disziplinieren und den Widerstand zu unterdrücken; die von Großkapital dominierte Nationen dazu treibt, im Wettstreit um die Ausbeutung der von Kleinkapital Dominierten zu stehen, einschließlich der Führung blutiger imperialistischer Eroberungs- und Vernichtungskriege; die die Plünderung der Natur ohne Ersatz belohnt und die unsere kollektive politische Vorstellungskraft darauf beschränkt, sich ständig innerhalb der engen Grenzen des Beklagens, aber nicht des Verhinderens des menschlichen Elends zu bewegen, das sie blindlings schafft – dieses Wissen muss gänzlich und gründlich verdrängt werden. Denn wenn mehr von uns wüssten, dass es einfach nicht so sein muss, dass jedes einzelne dieser sozialen Übel und noch mehr keine notwendige Folge des menschlichen Zusammenlebens ist, sondern eine unnötige Folge der Diktatur des Kapitals, dann würde sich der dunkle Zauber auflösen und das wahre Grauen aus den Schatten herantreten.
Die kapitalistische Ideologie preist einen radikalen und fortschrittlichen Bruch mit dem feudalen Paternalismus und dem Aberglauben. Früher glaubten wir an Götter und Magie. Doch heute sind wir modern und rational. Die universelle Kommodifizierung und das private Streben nach Profit liefern die gewünschten Ergebnisse. Das ist mächtige Magie, doch die naiv-optimistischen Behauptungen verlieren an Glaubwürdigkeit, wenn sie mit unserer Machtlosigkeit und unserer wiederholten Unfähigkeit konfrontiert werden, irgendetwas zum Besseren zu verändern. Der Kompromiss zwischen Macht und Leichtgläubigkeit muss daher gesteuert werden.
Die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft unterdrückt die marxistische Häresie. Doch die weit verbreiteten Versäumnisse, die versprochenen Ergebnisse zu liefern, müssen dennoch erklärt werden. Die Wirtschaftswissenschaft hat eine ausgeklügelte Theodizee entwickelt, mit einer Reihe theoretischer Optionen, die unterschiedlichen Toleranzgraden gegenüber dem Unglaublichen gerecht werden und die Schuld für gesellschaftliche Missstände auf alles andere als die Herrschaft des Kapitals ablenken. Die Ökonomen der Österreichischen Schule machen den Mangel an Hartgeld für den Sündenfall verantwortlich. Der böse Staat korrumpiert durch die Ausgabe von Fiat-Geld. Die Anhänger der neoklassischen Theorie verkünden lautstark Wohlfahrtstheoreme, die beweisen, dass der kapitalistische Wettbewerb ein perfekter Mechanismus ist, der optimale Ergebnisse liefert, wenn dem Kapital nur freie Hand gelassen würde, alles unter der Sonne zu kommerzialisieren. Keynesianer geben glaubwürdiger zu, dass der ungezügelte Kapitalismus Koordinations- und Verteilungsprobleme hat, schlagen aber weniger glaubwürdig vor, dass bürgerliche Politiker – besessene Vertreter des Wirklichen Gottes – diese beheben werden.
Der Glanz ist stark, doch er flackert am Rande unseres Blickfelds. Wir erhaschen flüchtige Einblicke hinter den Schleier: Kapitalisten, die in einer einzigen Nacht mehr verdienen als Arbeiter in einem ganzen Leben; reiche Länder mit anhaltender Obdachlosigkeit und dennoch ungenutzten Ziegeln, Grundstücken und arbeitslosen Bauarbeitern; hungernde Familien inmitten eines Überflusses an Lebensmitteln. Ökonomen sind unbewusste Zauberer, denn sie glauben aufrichtig an das, was sie predigen, und ihre Machtworte weben den dunklen Zauber immer wieder neu, indem sie den unglaublichen Glauben an die innewohnende Güte der Herrschaft des Kapitals aufrechterhalten.
Der Kapitalismus steht nicht über der Religion. Er ist lediglich ihr umgekehrtes Gegenteil. Wir haben uns noch nicht von Geistern, Göttern und Dämonen befreit. Unsere Welt bleibt verzaubert, aber auf dunkle Weise. Der Kapitalismus ist eine okkulte Produktionsweise mit einem verborgenen Gott und einer dunklen Eucharistie. Denn jede hinreichend fortgeschrittene Religion ist von der Wirtschaft nicht zu unterscheiden.
Dritter Teil: Die Magie der dunklen Eucharistie
Marx über Geld und Christus
Nachdem Marx in seinen Kommentaren zu Mill festgestellt hat, dass der Kapitalismus eine neue Art von Kult sei, der einen „wirklichen Gott“ verehre, reflektiert er unmittelbar darauf über die seltsamen Gemeinsamkeiten zwischen Christus und dem Geld. Marx schreibt:
„Christus repräsentiert ursprünglich 1. die Menschen vor Gott; 2. Gott für die Menschen; 3. die Menschen dem Menschen.“
Dies ist eine elliptische Aussage. Doch Marx deutet an, dass Christus ein vieldeutiges Symbol ist, das vermittelt, wie die Menschheit zu sich selbst und zu Gott steht. Die These lautet: Christus als gewöhnlicher Mensch, wie wir alle, demütig vor Gott. Die Antithese lautet: Christus als fleischgewordener Gott, der seine Schöpfung liebt. Die Synthese, die den Widerspruch überwindet, ist die Kirche, unsere menschliche Gemeinschaft und der mystische Leib Christi, der uns in einer von Gott vermittelten heiligen Gemeinschaft miteinander verbindet.
Als Nächstes wendet Marx dasselbe Schema auf das Geld an:
„So repräsentiert das Geld ursprünglich seinem Begriff nach: 1. Das Privateigentum für das Privateigentum; 2. die Gesellschaft für das Privateigentum; 3. das Privateigentum für die Gesellschaft.“
Marx legt nahe, dass Geld Christus-ähnlich ist, da auch es ein vieldeutiges Symbol ist, das vermittelt, wie die Menschheit zu sich selbst und zu ihrem Eigentum steht. Die These lautet: Geld als Symbol für den Wert unseres individuellen Eigentums. Die Antithese lautet: Geld als gesellschaftliche Verkörperung des Eigentums im Allgemeinen. Die Synthese ist das Ritual des Marktaustauschs, das die Menschheit in einer durch Geld vermittelten materiellen Gemeinschaft zusammenhält.
Doch Marx ist noch nicht am Ende. Obwohl Christus und Geld vermittelnde Symbole sind, die eine Gemeinschaft zusammenhalten, sind sie zugleich soziale Symbole, die quasi unabhängig von uns und über uns stehen. Die Integration, die sie bewirken, ist unvollständig, teils real, teils jedoch illusorisch und daher magisch. Marx schreibt:
„Aber Christus ist der entäußerte Gott und der entäußerte Mensch. Gott hat nur mehr Wert, sofern er Christus, der Mensch nur mehr Wert, sofern er Christus repräsentiert. Ebenso mit dem Geld.“
„Ebenso mit dem Geld“, denn Geld ist ein entfremdetes Symbol unserer eigenen Kräfte. Und in einer Gesellschaft, die von ihrem entfremdeten Vermittler, dem Wirklichen Gott, beherrscht wird, haben sowohl das Soziale als auch das Persönliche nur insofern einen Wert und repräsentieren nur insofern das Gute, als sie das Geld repräsentieren. Wir nutzen soziale Symbole, um unsere Beziehungen zu vermitteln. Doch wir werden zu bloßen Symbolen für den Vermittler. Und in diesen Abstraktionen verlieren wir etwas von uns selbst und werden verzaubert.
Die Opferorgie
Die Dunkle Eucharistie ist der Ursprung des Profits im Opfer unserer Arbeit als Tribut an den Wirklichen Gott. Und wie die christliche Eucharistie ist sie zugleich eine Beschwörung, ein Opfer und eine Vereinigung.
Geld hat viele verschiedene materielle Formen, wie Edelmetalle, Münzen oder Banknoten oder numerische Einträge in einer Datenbank. Doch diese materiellen Formen sind bloße Träger der Recheneinheit, des wirtschaftlichen Werts selbst, der ein soziales Symbol ist. Die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft hat den Versuch, diese soziale Hieroglyphe vollständig zu entschlüsseln, längst aufgegeben und ist in dieser Frage fast vollständig verstummt. Man sagt uns, die Rechnungseinheit sei eine Quantität ohne Qualität, ein Zeichen für das Nichts, ein Symbol, das nichts symbolisiert. Doch Geld hat einen esoterischen Gehalt, denn in der Dunklen Eucharistie fungiert es als Hostie.
Jedes kapitalistische Unternehmen ist ein Haus Gottes, ein Ort der Huldigung an das Kapital. Die Arbeiter opfern in ihrem täglichen Ritual ihre Arbeitskraft, um nützliche Dinge für andere herzustellen. Doch das eigentliche Ziel ist eine erhoffte Frucht, ein göttlicher Ertrag, ein Gewinn. Daher reicht nicht jedes Opfer aus. Das Opfer muss so effizient und nützlich sein, dass das Produkt beim Verkauf einen Überschuss, eine glänzende Geldsumme als Gewinn abwirft. Der Gewinn ist der Moment der Epiklesis, in dem mehr von der heilsamen Substanz in die Welt herbeigerufen wird.
Alle einzelnen Rituale sind Teil eines großen Rituals. Und alle einzelnen Kapitalformen sind lediglich tausend Gesichter desselben Gottes. Eine notwendige Voraussetzung für den Erfolg des großen Rituals besteht darin, dass sich die Arbeiter wirklich opfern. Dies darf kein bloßer Austausch mit Gott sein; es muss ein Tribut sein, ein echtes Aufgeben. Denn Gewinn in der Gesamtheit ist nur möglich, wenn die Arbeiter gemeinsam mehr von ihrer Zeit dem Kapital opfern, als sie in Form der von ihnen konsumierten Güter und Dienstleistungen zurückerhalten.
Der Wirkliche Gott ist ein Wesen, das über Geldströme einen bestimmten Aspekt der Welt manipuliert, um Kontrolle zu erlangen – was mehr Gewinn bedeutet. Dieser Aspekt ist unsere kollektive Arbeitskraft, die bereit und fähig ist, sich selbst zu opfern. Geld ist daher sowohl ein Aspekt der Gegenwart des Wirklichen Gottes als auch eine Verkörperung unserer eigenen Arbeitskraft. In der Eucharistie verkörpern gewöhnliches Brot und Wein Christus kraft des Wirkens des Heiligen Geistes. In der Dunklen Eucharistie repräsentiert Geld durch das Wirken des Wirklichen Gottes geopferte Arbeitskraft. Geld ist die symbolische Vereinigung der Menschheit mit ihrem Gott.
Der Geldgewinn als substanzielle Präsenz des Wirklichen Gottes erbt göttliche Macht. Geld ist der universelle Gebrauchswert, das universelle Gute, das unsere Wünsche wahr werden lassen kann. Wir alle sehnen uns danach, es zu besitzen, es zu halten, mit ihm in Gemeinschaft zu sein, denn ohne es sind wir verlorene Seelen.
Die Kapitalisten, als Lenker des Opferritus, teilen dessen Früchte auf und verteilen sie. Diese Substanz ist so kostbar, dass kein Tropfen verschüttet werden oder verloren gehen darf. Selbst der kleinste Bruchteil muss erfasst werden. Die anschließende Verteilung an die versammelten Gläubigen ist ein sorgfältig kontrollierter Vorgang, der strengen Regeln unterliegt. Die minderwertigeren Anteile werden an die Arbeiter verteilt, die das Geschenk eines Lohns erhalten. Der beste Anteil jedoch ist dem Kapital vorbehalten. Jede Dunkle Eucharistie vergrößert die Macht des Wirklichen Gottes und versetzt ihn in die Lage, einen größeren Anteil unserer Produkte für sich zu beanspruchen, seinen privaten Bereich durch den Besitz produktiverer Vermögenswerte auszuweiten, immer mehr von der Welt als sein Privateigentum einzuzäunen und immer mehr Menschen dazu zu bewegen, sich dem Opfer anzuschließen. Unser Tribut steigert die Macht des Kapitals und vertieft unsere Knechtschaft ihm gegenüber. Denn hinter dem scheinbaren Chaos der Marktpreise und den Schwankungen von Angebot und Nachfrage verbirgt sich eine einfache Ordnung. Alle Preise für alle Dinge der Welt und alle Löhne sind stets so bemessen, dass die Arbeiter nicht genügend von der göttlichen Substanz ansparen können, um mehr Freizeit zu genießen. Der wirkliche Gott hindert seine Untertanen daran, selbst zu bestimmen, wie lange sie arbeiten, indem er kollektiv über das Wirtschaftswachstum und die Länge des Arbeitstages entscheidet. Die erlösende Frucht kann nicht angespart werden und kann uns daher nicht wirklich erlösen, denn sie fließt zurück zum Kapital selbst, um dessen Macht zu vergrößern. Die einfache und universelle zugrunde liegende Ordnung lautet: Opfere dich selbst, für immer.
Folglich steht das Geld in unseren Taschen nicht nur für notwendige Knappheit. Die Verteilung des monetären Reichtums und die Preisstruktur stehen auch für unsere unnötige Knechtschaft, unser kollektives Niederknien vor einem Fetisch. Der Geldlohn ist eine Belohnung für Opfer, die zu weiteren Opfern zwingt. Die Entzauberung ist ein Mythos, selbst Teil des dunklen Zaubers. Denn ein Gott wohnt noch immer unter uns. Und wenn wir sein Antlitz sehen wollen, brauchen wir nur in unsere eigenen Taschen zu greifen.
Wir geben nach und opfern nichts Geringeres als unser lebendiges Wirken. Es gibt kein größeres Geschenk, das wir geben könnten. Wir opfern jeden einzelnen Arbeitstag Bruchteile unseres lebendigen Wesens, unseres einzigartigen und endlichen Daseins, bis uns schließlich nichts mehr bleibt und unsere Gesundheit versagt. Und dann sind wir völlig aufgebraucht, gänzlich in das Privateigentum unseres Dunklen Herrn und Meisters verwandelt.
Der Triumph des Demiurgen
Die christliche Eucharistie zielt darauf ab, die Menschheit in familiärer Liebe zu vereinen, sich um die Kranken, Bedürftigen und Armen zu kümmern und uns zur Erlösung von den Übeln dieser Welt zu führen. Die utopischen Bestrebungen des Christentums, die von Anfang an vorhanden waren und uns auch heute noch begleiten, bringen einige der tiefsten und edelsten Sehnsüchte der Menschheit zum Ausdruck.
Christus wählte Brot und Wein zum Teilen, weil dies Güter sind, die wir begehren: das eine als Lebensgrundlage, das andere als Luxus – ein perfektes Abbild unserer materiellen Sehnsüchte. Christus wählte kein Geld. Er bemerkte dazu:
„Niemand kann zwei Herren dienen. Entweder ihr hasst den einen und liebt den anderen, oder ihr haltet zu dem einen und verachtet den anderen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Geld.“
Christus, Matthäus 6,24.
Christus verstand, dass das Geld bereits vergeben war, dass es bereits einen Herrn beherbergte.
Der christliche Gott erwies sich angesichts des historischen Aufstiegs des Wirklichen Gottes als machtlos. Heute thront ein großes Kapital über der Ausübung jedes christlichen Rituals. Alle Konfessionen verwalten umsichtig ihr Anlageportfolio auf der Suche nach einer ganz anderen Art göttlicher Rendite und geben sich damit zufrieden, an der Opferbeute der Dunklen Eucharistie teilzuhaben. Die Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel durch Christus, die mittelalterlichen Verbote der Wucherzinsen, die Versuche, gerechte Preise zu definieren und durchzusetzen, die zornigen Leugnungen, dass Geld fruchtbar sein könne – all das ist weitgehend vergessen, sind nur noch schwache Echos aus einer Zeit vor dem Triumph des Demiurgen. Das Christentum hat seinen unbequemen Frieden mit dem Kapital geschlossen und sich seiner Herrschaft gebeugt, oft Seite an Seite mit jenen, die vom unersättlichen Appetit des Wirklichen Gottes in den Wahnsinn getrieben wurden, und hat kolonialen Eroberungen, Sklaverei und imperialistischen Kriegen seinen Segen gegeben, hat Seelen für den einen Gott befreit und gleichzeitig Gold für den anderen freigesetzt.
Die Dunkle Eucharistie, die täglich von Milliarden von Arbeitern auf der ganzen Welt vollzogen wird, verwandelt unsere Opfer in den leiblichen Körper eines verborgenen Gottes. Im Gegensatz zum christlichen Ritual vereint die Dunkle Eucharistie die Menschheit nicht in Liebe, sondern spaltet uns in eine gesalbte Elite, die ausbeutende Klasse, und eine Opferherde, die ausgebeutete Klasse. Während des Rituals opfert sich der Wirkliche Gott nicht aus Liebe für uns und erfüllt auch keine Wünsche auf unseren Befehl hin. Dies ist eine neue Art von Magie, weder christlich noch salomonisch. Stattdessen verzehrt der Wirkliche Gott unser Fleisch und Blut, verbraucht unsere Lebenskraft und eignet sich dadurch unsere Kräfte an. Ein universeller dunkler Zauber verschleiert den grundlegend götzendienerischen und opferorientierten Charakter der kapitalistischen Produktionsweise. Wir verehren blindlings einen blinden Gott. Und die wahre Bedeutung des Geldes – als die Wirkliche Präsenz des Wirklichen Gottes in unserem Leben – bleibt verborgen.
Die kapitalistische Gesellschaft ist, wie Marx schrieb, gleich „dem Zauberer, der die Mächte der Unterwelt, die er durch seine Zaubersprüche heraufbeschworen hat, nicht mehr zu beherrschen vermag“. Der vielleicht größte bürgerliche Mythos, der Gipfel ihrer Hybris und das Wesen ihrer magischen Kraft, ist der Glaube, dass der Kapitalismus eine säkulare und rationale Produktionsweise sei. Doch zwischen dem Kapitalismus und seinen verzauberten Vorläufern besteht eine tiefe, unerkannte Kontinuität. Der Kapitalismus ist eine okkulte Produktionsweise, die von einem verborgenen Gott gesteuert wird, der seine Untertanen dazu manipuliert, sich auf große Orgien unnötiger Opfer und Ekstasen blinder Akkumulation einzulassen. Wir mögen zwar in einem Zeitalter der Vernunft leben, doch die Vernunft ist nicht unsere eigene. Die großen Opferrituale zwischen einem Volk und seinem Gott werden durch den Kapitalismus nicht überwunden, sondern in einer neuen und universelleren Form reproduziert. Wir werden daher weiterhin „noch nicht modern“ bleiben und verloren durch die dunklen Zeitalter der Menschheit irren, bis wir unseren dunklen Zauber abschütteln, es wagen, in die Tiefen des schwarzen Spiegels zu blicken und uns dem Schrecken zu stellen, den wir heraufbeschworen haben.
Anmerkung des Übersetzers:
(1) Der „Anti-Dühring“ stammt nicht von Marx, sondern von Friedrich Engels.
Zum Thema Geld siehe ferner auf LarsSchall.de:
Zum Thema der „produktiven Kreditschöpfung“
Der Geld-Illusions-Schock der Bank of England
Was sagt eigentlich Jesus zum Geld?
Interviews:
Banken arbeiten grundsätzlich mit doppelter Buchführung
Geld – ein „Gott der Schatten“ // https://www.youtube.com/watch?v=dvvS-2UlHeg