Nehmen wir an, die Welt besteht aus einer unüberschaubaren Anzahl von Ereignissen, die zueinander in mannigfaltigen und komplexen Beziehungen stehen.
„Gott ist der große Gefährte – der Leidensgenosse, der versteht.“1
— Alfred North Whitehead —
Alfred North Whitehead (1861-1947) war Mathematiker und Philosoph, der sich mit einer für einen modernen Philosophen eher ungewöhnlichen Frage beschäftigte: die Frage nach der Existenz und dem Wesen Gottes.
Um uns mit dem Terrain, auf dem sich Whitehead bevorzugt bewegte, ein Stück weit vertraut zu machen, nehmen wir einmal an, der allgemeine metaphysische Rahmen der Welt bestünde aus einer unüberschaubaren Anzahl von Ereignissen, die zueinander in mannigfaltigen und komplexen Beziehungen stehen. Wie in dieser Welt „ein bestimmtes Ereignis beschaffen ist, hängt vollständig von seiner Beziehung zu anderen Dingen ab: den vorangegangenen Ereignissen in seiner Vergangenheit und den abstrakten Arten, denen es entspricht.“ In dieser Welt entsteht ein Ereignis „nicht allmählich“, sondern es gilt: „erst ist es nicht da, dann ist es da, dann ist es wieder nicht da. Zu keinem Zeitpunkt ist es halb existent. Sein raum-zeitlicher Ort ist kein Punkt, trotz seiner physikalischen Einfachheit. Noch ist seine Genese eigenschaftslos: was und wie es ist, hängt von diesen Vorläufern ab, aber nicht notwendigerweise deterministisch. Jedes Ereignis ist etwas neues und stellt eine Auswahl aus einem einzigartigen Feld von oft konträren Möglichkeiten dar.“ Die Dinge, welche es in dieser Welt gibt, „von Teilchen über Menschen bis hin zu Galaxien, sind mehr oder weniger ausgedehnte Ketten oder Ansammlungen von Ketten solcher Ereignisse, deren Arten die erforderlichen Arten der Abfolge und Aggregation umfassen.“ Und um auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen: „Dieses Bild ist möglicherweise zwei Gruppen von Menschen weitgehend vertraut, deren Zugehörigkeit sich kaum überschneidet. Auf der einen Seite haben wir die Quantenphysiker. Auf der anderen Seite haben wir die Forscher und Gefolgsleute von Alfred North Whitehead.“2
Wie klingt dieser Rahmen der Welt beim Philosophen Whitehead konkret? Beispielsweise so, wenn er formuliert:
„… Daher ist das Universum als aktiver Selbstausdruck seiner eigenen Vielfalt von Gegensätzen zu begreifen – seiner eigenen Freiheit und seiner eigenen Notwendigkeit, seiner eigenen Vielheit und seiner eigenen Einheit, seiner eigenen Unvollkommenheit und seiner eigenen Vollkommenheit. Alle ,Gegensätze‘ sind Elemente in der Natur der Dinge und sind unkorrigierbar vorhanden. Das Konzept ,Gott‘ ist die Art und Weise, wie wir diese unglaubliche Tatsache verstehen – dass das, was nicht sein kann, dennoch ist.“ Was Whitehead als „konsequente Natur Gottes“ bezeichnet, setzt sich zusammen „aus einer Vielzahl von Elementen mit individueller Selbstverwirklichung“. Sie „ist ebenso sehr eine Vielheit wie eine Einheit; sie ist ebenso sehr eine unmittelbare Tatsache wie ein unruhiger Fortschritt über sich selbst hinaus. So muss auch die Wirklichkeit Gottes als eine Vielheit aktueller Komponenten im Schöpfungsprozess verstanden werden. Dies ist Gott in seiner Funktion des Himmelreichs.“3
Die Welt, so Whitehead, befindet sich in einem immerzu andauernden Schöpfungsprozess, ja, Kreativität ist das absolute Prinzip der Existenz.4 Bei diesem Schöpfungsprozess befindet sich Gott im Universum und schafft ständig, „in uns und um uns herum. Dieses schöpferische Prinzip ist überall, in der belebten und der sogenannten unbelebten Materie, im Äther, im Wasser, in der Erde, im menschlichen Herzen. Aber diese Schöpfung ist ein fortwährender Prozess, und ,der Prozess selbst ist die Wirklichkeit‘, denn man vermag erst anzukommen, wenn man eine neue Reise beginnt. In dem Maße, wie wir an diesem schöpferischen Prozess teilhaben, haben wir Anteil am Göttlichen, an Gott, und diese Teilhabe ist unsere Unsterblichkeit, welche die Frage, ob unsere Individualität den Tod des Körpers überlebt, auf den Stand einer Nebensächlichkeit reduziert. Unsere wahre Bestimmung als Mitschöpfer im Universum ist unsere Würde und unsere Größe.“5
In der Welt der Gegensätze operiert Gott laut Whitehead „von der Wirklichkeit zur Möglichkeit“ übergehend, wohingegen die Welt umgekehrt „von der Möglichkeit zur Wirklichkeit“ schreitet.6 Gott ist Pantokrator; er (bzw. seine primordiale Natur und beständige Gegenwart) erschafft „jedes weltliche Ereignis“ – will heißen: Gottes „Akt der Existenz“ stellt „die notwendige Bedingung dafür“ dar, „dass die weltlichen Ereignisse existieren und sich ereignen“.7 Whitehead erachtet Gott „als aktiv in allen Ereignissen, nicht gelegentlich, sondern an allen Orten und zu allen Zeiten, nicht als ein konkurrierender Agent unter anderen, sondern auf einer anderen Ebene wirkend und unabdingbar für das Sein der Welt“.8 In diesem Arrangement zwischen Gott und der Welt vermag der Pantokrator „niemals als absolute Alleinmacht [zu] handeln“, da die Verwirklichung seiner Vision „inhärent von der Selbstschöpfung der weltlichen Ereignisse abhängt. Zusammengenommen zeigen diese beiden Beobachtungen, dass für Whitehead die Selbstverursachung der Welt und die Allgegenwärtigkeit von Gottes Handeln miteinander vereinbar sind und sich gegenseitig bedingen, anstatt sich gegenseitig auszuschließen“.9
So betrachtet ist es letztlich, wie Whitehead festhält, „ebenso wahr, zu sagen, dass Gott die Welt erschafft, wie dass die Welt Gott erschafft“, denn das, „[w]as in der Welt geschieht, verwandelt sich in eine Wirklichkeit im Himmel, und die Wirklichkeit im Himmel kehrt in die Welt zurück“.10
Gott und die Welt befinden sich in beständiger Interaktion, um sich zu verwirklichen: „So wie die Welt nicht wirklich werden könnte ohne Gottes uranfängliche Bereitstellung der Möglichkeiten, so könnte Gott nicht wirklich werden, ohne daß sich die Welt in ihm objektivierte.“ Anders ausgedrückt: Indem sich die Möglichkeiten, über welche die Welt verfügt, verwirklichen, verwirklicht sich Gott, der ein werdender ist, selbst.11 Es ist ein Prozess in Gang gesetzt, „in dem Gott zu Bewußtsein und gleichsam zu sich selbst kommt als die Verwirklichung seiner eigenen Vision“.12 Die „Versöhnung von Beständigkeit und Fluß“ erreicht die Schöpfung laut Whitehead, „wenn sie bei ihrem letzten Ziel angelangt ist, dem des Immerwährenden – der Vergottung der Welt“.13
Freilich ist in den vergangenen Jahrzehnten von wissenschaftlichen Theorien vorgebracht worden, dass neben unserem Universum noch unzählig viele andere Universen existieren – und häufig wird von Philosophen angeführt, diese wissenschaftlichen Modelle würden geradezu gegen eine Existenz Gottes sprechen.14 Ein anderer Ansatz, der Whitehead’schen Geist atmet, bestünde in der entgegengesetzten Annahme: Wenn Gott existiert, ist ein Multiversum genau das, was wir erwarten sollten.15
Quellen:
1 Alfred North Whitehead: God. Harvard Square Library; https://www.harvardsquarelibrary.org/theology-philosophy/alfred-north-whitehead/. (Aus Process and Reality – An Essay in Cosmology. Corrected Edition, The Free Press, 1978, S. 351.) An anderer Stelle (im Unterpunkt „Religion Defined“ zu Beginn von Religion in the Making) schreibt Whitehead mit Blick auf den Gefährten Gott: „Religion ist das, was der Einzelne mit seiner eigenen Einsamkeit macht. Sie durchläuft drei Stadien, wenn sie sich zu ihrer endgültigen Zufriedenheit entwickelt. Sie ist der Übergang von Gott, der Leere, zu Gott, dem Feind, und von Gott, dem Feind, zu Gott, dem Gefährten. Religion ist also Einsamkeit; und wenn man nie einsam ist, ist man nie religiös.“ Für Whitehead ist Gott allerdings nicht an religiöse Gefühle gebunden: „Das Konzept von Gott ist sicherlich ein wesentliches Element des religiösen Gefühls. Aber das Gegenteil trifft nicht zu; das Konzept des religiösen Gefühls ist kein wesentliches Element des Konzepts von Gottes Funktion im Universum.“ Zit. wie Whitehead: Process and Reality, S. 207.
2 Zit. wie Peter Simons: Processing Whitehead. Metascience, 2006; https://am.booksc.org/book/8076124/6f6e51. Mit „metaphysisch“ ist im Sinne von Whitehead „das philosophische Bestreben“ gemeint, „herauszufinden, ,wie die Welt (im Allgemeinen) funktioniert’“. Whitehead: „Mit ,Metaphysik‘ meine ich die Wissenschaft, die danach strebt, die allgemeinen Ideen zu entdecken, die für die Analyse von allem, was geschieht, unabdingbar relevant sind.“ Zit. wie Michael Schramm: Relational Processes in Whitehead’s Metaphysics and Commons’ Economics – The Relevance of Cosmology for Economic Theory. Universität Hohenheim, 2022; https://theology-ethics.uni-hohenheim.de/fileadmin/einrichtungen/theology-ethics/Schramm_2022_RelationalProcesses.pdf
3 Zit. wie Whitehead: Process and Reality, S. 350. Im Verständnis Whiteheads hat Gott „zwei Naturen: die ursprüngliche und die konsequente. Die ursprüngliche Natur Gottes ist der Bereich der ewigen Objekte. Die ewigen Objekte fließen in alle unsere Erfahrungen ein und bestimmen so die qualitative Art der Erfahrung. Die konsequente Natur Gottes ist die pantheistische Einheit aller Erfahrungen, die in ein höheres Bewusstsein eingehen.“ Hierbei ist es „Gottes Absicht, die Intensität der Erfahrungen zu genießen, die er/sie hervorruft.“ Zit. wie Peter Sjöstedt-Hughes: A Conspectus of A. N. Whitehead’s Metaphysics; https://www.philosopher.eu/a-n-whitehead-summary/
4 Für Whitehead ist Kreativität das Prinzip, welches „die Welt unaufhörlich vorantreibt“, und „[a]ls ureigentliche Schöpfungskraft bezeichnet dieser Begriff in Whiteheads prozessualer Philosophie das Prinzip der Wirklichkeit überhaupt, das allem Sein, allem Werden zugrunde liegt“. Zit. wie Michael Hauskeller: Alfred North Whitehead – Zur Einführung. Junius Verlag, 1994, S. 80. „So wie die Quantenphysik Energie als das Rohmaterial des Universums und Elementarteilchen als konkrete Verkörperungen dieser Energie betrachtet, so beschreibt Whiteheads Metaphysik den universellen Grundcharakter der Welt mit dem Begriff ,Kreativität‘.“ Zit. wie Michael Schramm: Relational Processes in Whitehead’s Metaphysics and Commons’ Economics. Schramm weist darauf hin, dass der Begriff „Kreativität“ eine Wortschöpfung ist, welche vermutlich von Whitehead selbst stammte. Und weiter: „Mit diesem Begriff will Whitehead die Tatsache zum Ausdruck bringen, dass wir in einem Universum der Aktivität leben und eben nicht in einem Universum der toten und passiven Materie: ,Kreativität‘ ist […] von dem Begriff der passiven Empfänglichkeit befreit […]; sie ist der reine Begriff der Aktivität […]. Sie ist der ultimative Begriff der höchsten Allgemeinheit an der Grundlage der Tatsächlichkeit.‘ Durch diesen schöpferischen Grundcharakter der Wirklichkeit/en werden die Dinge fließend und dynamisch auf eine evolutionäre Weise: alles ist im Fluss (vgl. Heraklits π ́αντα ·ε‹ = ,alles fließt‘). Neue Dinge werden ,geboren‘, wachsen und vergehen wieder.“ Ferner ist der Begriff „Prozess“ von zentraler Bedeutung bei Whitehead: „,Prozess‘ ist der Grundgedanke. Ein sehr wichtiges metaphysisches […] Prinzip ist also, dass das Wesen der realen Wirklichkeit – also des vollkommen Realen – Prozess ist. […] Es gibt keinen Stillstand.“ Zit. wie ebd.
5 Zit. wie Whitehead: God. Zum Sinn menschlichen Lebens sagte Whitehead: „Unser Geist ist endlich, und doch sind wir selbst in dieser Endlichkeit von unendlichen Möglichkeiten umgeben, und der Sinn des menschlichen Lebens besteht darin, dass wir so viel wie möglich aus der Unendlichkeit herausholen.“ Zit. wie Lucien Price: Dialogues of Alfred North Whitehead. Little, Brown and Company, 1954, S. 163.
6 Vgl. Palmyre M.F. Oomen: God’s Power and Almightiness in Whitehead’s Thought. Open Theology, De Gruyter, 2015. Beachtenswert in diesem Zusammenhang: Philip Rose geht vom Primat der Möglichkeit (der „Metaphysik der Möglichkeit“) als dem wahren Grund des Seins aus. Damit steht er praktisch im Gegensatz zur gesamten abendländischen intellektuellen Tradition, welche die Wirklichkeit als logisch vor der Möglichkeit stehend und diese erklärend ansah bzw. ansieht. Rose betrachtet im Zuge einer Überprüfung dieser Tradition die Tatsache, dass nicht einmal Whitehead der „Metaphysik der Wirklichkeit“ entkommt – siehe sein „Ontologisches Prinzip“. Die Probleme, die der traditionellen Auffassung anhaften, setzt Rose in Kontrast mit der evolutionären Kosmogonie von Charles Sanders Peirce, um so hervorzuheben, dass nicht die Wirklichkeit, sondern die Möglichkeit als ursprünglicher, primordialer Grund betrachtet werden sollte. Vgl. Philip Rose: Rethinking Whitehead’s Cosmology Through the Cosmogonic Philosophy of C.S. Peirce – Speculation on the Origins of the Actual and the Metaphysical Primacy of the Possible, in Andrew M. Davis / Maria Teresa Teixera / Wm. Andrew Schwartz: Process Cosmology – New Integrations in Science and Philosophy. Springer, 2022, S. 247-275.
7 Oomen: God’s Power and Almightiness in Whitehead’s Thought.
8 Ebd.
9 Ebd. Whiteheads Ablehnung der Vorstellung, dass Gott allmächtig ist, „hat ihren Grund weitgehend im Problem des Bösen“, denn: „Wenn man an dieser Vorstellung [einer Allmacht Gottes] festhält, kann es keine andere Möglichkeit geben, als in ihm den Ursprung allen Bösen wie auch allen Guten zu erkennen. Er ist dann der oberste Autor des Stücks, und man muss ihm daher sowohl seine Unzulänglichkeiten als auch seinen Erfolg zuschreiben‘.“ Ebd. Zu Whitehead und dem Problem des Bösen siehe bspw. R. Maurice Barineau: Whitehead and Genuine Evil. Process Studies, S. 181-188, Vol. 19, Number 3, 1990, Center for Process Studies; https://www.religion-online.org/article/whitehead-and-genuine-evil/, ausführlicher in ders.: The Theodicy of Alfred North Whitehead – A Logical and Ethical. Vindication. University Press of America, 1991, Joseph A. Bracken, S.J.: Whitehead’s Rethinking of the Problem of Evil. The Whitehead Encyclopedia, 2008; http://encyclopedia.whiteheadresearch.org/entries/thematic/theology-and-religion/whiteheads-rethinking-of-the-problem-of-evil/, und Michael Hauskeller: Alfred North Whitehead – Zur Einführung, S. 150-166, sowie zu Whiteheads Metaphysik in Anbetracht des Holocaust Jeremy D. Fackenthal: The Problem of Coming to Terms with the Past: A Post-Holocaust Theology of Remembrance. Claremont Graduate University, 2012; https://scholarship.claremont.edu/cgi/viewcontent.cgi?referer=&httpsredir=1&article=1033&context=cgu_etd. Im Zusammenhang mit der Allmacht Gottes sei daran erinnert, dass Jacques Ellul Gott wie folgt charakterisierte: „Gott ist eine selbstbegrenzte Omnipotenz, nicht aus Willkür oder Einbildung, sondern weil alles andere im Widerspruch zu seinem Wesen stünde. Denn jenseits der Macht ist die beherrschende und bestimmende Tatsache, dass das Wesen Gottes die Liebe ist.“ Zit. wie Matthew Pattillo: Restraint of Beasts – Church and State in Ellul and Girard. Universität Innsbruck, 23. Juni 2003. Whitehead wiederum schreibt: „Die Begrenzung Gottes ist seine Güte. (…) Es ist nicht wahr, dass Gott in jeder Hinsicht unendlich ist. Wäre er es, würde er sowohl böse als auch gut sein. Auch würde diese unbegrenzte Verschmelzung des Bösen mit dem Guten ein bloßes Nichts bedeuten. Er ist etwas Bestimmtes und ist dadurch begrenzt.“ Siehe „The Nature of God“ in Religion in the Making unter: http://mountainman.com.au/whiteh_4.htm. Gottes Natur, so Whitehead an anderer Stelle, „gründet sich auf moralische und ästhetische Ideale der Vollkommenheit“. Zit. wie Whitehead: Immortality. 1941. In Essays in Science and Philosophy. Philosophical Library, Inc., 1947; https://www.academia.edu/39156449/Whitehead_Immortality_1941. „Der galiläische Ursprung des Christentums“ bietet, Whitehead folgend, einen „Anhaltspunkt“ hinsichtlich des Wesens Gottes: „Er betont weder den herrschenden Cäsar noch den unbarmherzigen Moralisten oder den unbewegten Beweger. Er verweilt bei den zarten Elementen in der Welt, die langsam und in aller Stille durch die Liebe wirken; und er findet einen Sinn in der gegenwärtigen Unmittelbarkeit eines Reiches, welches nicht von dieser Welt ist. Die Liebe herrscht weder, noch ist sie unbewegt; auch ist sie ein wenig vergesslich, was die Moral betrifft. Sie blickt nicht in die Zukunft, denn sie findet ihren eigenen Lohn in der unmittelbaren Gegenwart.“ Zit. wie Whitehead: Process and Reality, S. 343.
10 Zit. wie Whitehead: Process and Reality, S. 351.
11 Vgl. Michael Hauskeller: Alfred North Whitehead – Zur Einführung, S. 102.
12 Ebd.
13 Zit. wie ebd., S. 103-104. Zur Richtung, die das Universum nimmt, schreibt Whitehead: „Die Teleologie des Universums ist auf die Erzeugung von Schönheit ausgerichtet“ – und Gott ist für ihn „der Dichter der Welt, der sie mit zärtlicher Geduld durch seine Vision von Wahrheit, Schönheit und Güte führt“. Zit. wie Whitehead: Adventures of Ideas. Free Press, 1933, S. 265, sowie ders.: Process and Reality: Corrected Edition, S. 526 (346), beides in: Gregory Cootsana: The Telos of Beauty: A Common Quest for Theologians and Scientists. MetaNexus, 24. Mai 2007; https://metanexus.net/telos-beauty-common-quest-theologians-and-scientists/. Gott übt in der Whitehead-Perspektive jedoch keinen Zwang bzw. keine Gewalt aus, um diese oder jene Möglichkeit in der Welt durchzusetzen. Der Grund für diese Annahme „ergibt sich direkt aus Whiteheads metaphysischer Konzeption selbst und lautet wie folgt: Zwang bedeutet Abschneiden von Möglichkeiten. Nun ist Gottes ursprüngliche Natur die begriffliche Verwirklichung aller Möglichkeiten und damit unendlich (PR 345). Daher kann Gott aufgrund seines Wesens unmöglich die faktischen Möglichkeiten eines anderen Wesens einschränken (in etwa so, wie weißes Licht, das alle Farben enthält, das Farbspektrum des von einem Gegenstand reflektierten Lichts nicht einschränken kann). Daher ist Zwang, also die Auferlegung einer physischen Begrenzung, unvereinbar mit Gottes unendlicher begrifflicher Natur, die alle Möglichkeiten einschließt. (…) Das bedeutet jedoch nicht, dass Gott überhaupt keine Grenzen setzen kann. Aber Gott begrenzt auf einer anderen Ebene, nämlich auf der Ebene der Bewertung der Möglichkeiten und nicht auf der Ebene der Anzahl der Möglichkeiten (die Gott nur erhöhen kann). Das Ergebnis von Gottes Bewertung aller Möglichkeiten in Bezug auf alle möglichen Situationen ist, dass in einer gegebenen Situation von den vielen verfügbaren Möglichkeiten nur eine Möglichkeit der Synthese als ;die beste für diese Sackgasse‘ (PR 244) empfunden wird (und das anfängliche Ziel für das neue Geschehen darstellt). Und diese Einschränkung qua Attraktivität ist eindeutig mit der überzeugenden Form der effizienten Kausalität verbunden. (…) Übertragen auf die Macht bedeutet dies, dass die Rolle Gottes darin besteht, zu locken und somit das Ereignis dazu zu bringen, die beste aller Möglichkeiten zu verwirklichen, aber das Locken ist niemals zwanghaft. In diesem Sinne und im Gegensatz zur traditionellen Auffassung ist Gott nicht allmächtig.“ Zit. wie Palmyre M.F. Oomen: God’s Power and Almightiness in Whitehead’s Thought. Macht bringt Whitehead mit Ästhetik in Verbindung: „Das Wesen der Macht ist das Streben nach ästhetischem Wert um seiner selbst willen. Alle Macht leitet sich aus dieser Tatsache der Komposition ab, welche Wert für sich selbst erlangt. Es gibt keine andere Tatsache. (…) Sie bildet den Antrieb des Universums. Sie ist die effiziente Ursache, die ihre Überlebenskraft aufrechterhält. Sie ist die finale Ursache, die im Geschöpf sein Verlangen nach Schöpfung aufrechterhält.“ Zit. wie Whitehead: Modes of Thought. Macmillan, 1938, S. 163. Ästhetik ist ein wesentliches Element für Whitehead: „Die Grundlagen der Welt“, so schreibt er, liegen „in der ästhetischen Erfahrung und nicht (…) in der kognitiven und konzeptuellen Erfahrung. Jede Ordnung ist daher ästhetische Ordnung, und die moralische Ordnung ist lediglich ein bestimmter Aspekt der ästhetischen Ordnung. Die tatsächliche Welt ist das Ergebnis der ästhetischen Ordnung, und die ästhetische Ordnung leitet sich aus der Immanenz Gottes ab.“ Zit. wie Whitehead: Religion in the Making. Meridian Books, 1960, S. 101.
14 Wenn Gott nicht existiert, „dann ist Gott die größte einzelne Schöpfung der menschlichen Phantasie“, wie der britische Philosoph Anthony Kenny sagt. „Keine andere Schöpfung der Vorstellungskraft war so fruchtbar für Ideen, eine so große Inspiration für die Philosophie, die Literatur, die Malerei, die Bildhauerei, die Architektur und das Drama; keine andere Schöpfung der Vorstellungskraft hat so viel dazu beigetragen, die Menschen zu Taten des Schreckens und des Adels zu bewegen oder sie zu einem Leben der Entbehrung oder der Anstrengung zu bringen.“ Zit. wie John Polkinghorne: The Faith of a Physicist. Fortress Press, 1996, S. 52.
15 Tatsächlich entwickelte Whitehead in den 1920er Jahren eine eigene Version der Multiversumstheorie, welche eine bemerkenswerte Affinität zu den revolutionären Ideen der zeitgenössischen kosmologischen Spekulationen aufweist. Er postulierte seine Theorie aus einigen der gleichen Gründe, wie sie heute von führenden Kosmologen und Physikern vorgebracht werden. Vgl. Leemon B. McHenry: The Event Universe – The Revisionary Metaphysics of Alfred North Whitehead, Edinburgh University Press, 2015, sowie online ders.: The Multiverse Conjecture – Whitehead’s Cosmic Epochs and Contemporary Cosmology; https://www.csun.edu/~lmchenry/documents/CosmicEpochs[1].pdf. Zu den Fragen, die sich angesichts eines Multiversums bzgl. der Existenz Gottes stellen, siehe Klaas Kraay (Hrsg.): God and the Multiverse – Scientific, Philosophical, and Theological Perspectives. Routledge, 2017. Der britische Quantencomputer-Pionier David Deutsch geht davon aus, dass es „sehr, sehr viele“ Universen gibt, und „[a]lles, was physikalisch möglich ist, geschieht in mindestens einem dieser Universen“. Gefragt, ob es dann auch ein Universum gäbe, „in dem Saddam Hussein glücklich mit Laura Bush verheiratet ist“, antwortete Deutsch: „Wenn wir die Quantentheorie ernst nehmen, ja – wenngleich diese Ehe vermutlich nur in einer winzigen Zahl von Universen geschlossen wurde.“ Vgl. Johann Grolle / Rafaela von Bredow: „Die Welt ist bizarr“, Der Spiegel, 11/2005; https://www.spiegel.de/politik/die-welt-ist-bizarr-a-49edb0bc-0002-0001-0000-000039694676. Einige Wissenschaftler gehen seit jüngerem davon aus, dass unser Universum einen Zwilling haben könnte, ein „Anti-Universum“, das zeitlich vor dem Urknall rückwärts läuft. Vgl. Paul Sutter: Our universe may have a twin that runs backward in time. Live Science, 16. März 2022; https://www.livescience.com/mirror-universe-explains-dark-matter. Freilich darf die Big-Bang-Theorie wissenschaftlich angezweifelt werden. Vgl. bspw. Eric J. Lerner: The Big Bang didn’t happen. iai news, 11. August 2022; https://iai.tv/articles/the-big-bang-didnt-happen-auid-2215?_auid=2020, Grant Guggisberg: Observational study supports century-old theory that challenges the Big Bang. Phys, 11. September 2024; https://phys.org/news/2024-09-century-theory-big.html, und Daniel Linford: Exploding the Big Bang. Aeon, Dezember 2024; https://aeon.co/essays/scientists-are-no-longer-sure-the-universe-began-with-a-bang. Bei der Multiversum-Theorie tritt die Idee zutage, dass wir in einem Universum leben könnten, das durch einen Big Bang entstanden ist, unser Universum ist aber nur eines von vielen Universen, die ihrerseits durch viele Big Bangs entstanden sind. Siehe bspw. Multiverse theory: More than one big bang? Big Think; https://bigthink.com/hard-science/multiverse-theory-more-than-one-big-bang/, sowie Big Bangs and the Multiverse. Gresham College, 25. November 2010; https://www.gresham.ac.uk/watch-now/big-bangs-and-multiverse.